Museen in den Außenbezirken

4. Mai 2001, 11:23
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Christoph Steinbreners "Unternehmen Capricorn" im Wiener Karmeliterviertel

Wien - Ihre Speicher sind voll, das rufen uns nicht nur besorgte Systemadministratoren zu, und trotz erhöhter Speicherkapazitäten bringt immer mehr Material die Dinge - und den Kopf - zum Bersten. Aufgabe einer Enzyklopädie sei es, aus der Masse eine Selektion zu treffen, sagt Christoph Steinbrener, seines Zeichens Bildhauer mit erweitertem Bildhauer- und Kunstbegriff.

Genauso enzyklopädisch brachte der im zweiten Gemeindebezirk wohnhafte Impresario mit diversen Kuratoren von zehn Wiener Museen Exponate aus dem Speicher ans Tageslicht. Ins Licht der Vitrinen aufgelassener Kleingeschäfte rund um den Karmelitermarkt, einer Gegend, "die City-nahe liegt und weder schick noch verspittelbergt ist", sagt Steinbrener.

Unternehmen Capricorn, das - einen Film zitierende - Logo, steht wie ein Geschäftsschild über den Auslagen, den Außenstellen der Museen. Deren Kuratoren mussten sich nicht speziellen Vorgaben stellen, sie wählten aber durchwegs Stücke, die sich mit der Geschichte des Ortes auseinander setzen: Die Karmeliterkirche stand im Zentrum der "Mazzesinsel", des jüdischen Gettos, und die Zerstörung von Synagogen spiegelt sich in der schwarzen Leere der Auslagen des Jüdischen Museums, das mit einem Spot einen kleinen Kidduschbecher beleuchtet.

Politisch brisant die Expositur des Heeresgeschichtlichen, das auf die ehemalige russische Zone nicht nur Anspielungen macht: Ein Lobesplakat der roten Armee und eine russische Wachstube mit Stalin-Porträt sorgen für Aufregung. Ob die kommunistische Partei hier ein neues Lokal eröffne, lautete eine der Fragen der Anrainer. Am Schreibtisch der Russen-Soldatenpuppe steht ein Militär-Schiffchenhut wie im Kostümmuseumsregal und führt diese "reale" Szene ad absurdum.

Tatsächliche Geschichte und den eigenartigen Musealisierungsdrang nimmt Guillaume Bijl für das Museum Moderner Kunst auf die Schaufel. Er, der sonst "reale" Auslagen oder ganze Geschäfte durch den Kontext Museum zur Kunst macht, fingiert das Sterbezimmer eines fingierten Komponisten namens Vogl, gelegen neben einem Mini-Koscher-Lebensmittelgeschäft.

Der Zufall regiert

Steinbrener war nach eigenen Angaben im Laufe des Projektes überrascht, wie ähnlich sich die Wissenschaft und die Kunst manchmal seien, wie überall der Zufall regiere. Assoziative Texte von Ferdinand Schmatz liegen als poetischer, nicht kühl-wissenschaftlicher Beipacktext in den Vitrinen. Schmatz' Stimme begleitet auch, in der "Expositur" am Marktplatz, die Avatare im "geführten" E-Computerspiel von Silvia Eckermann & Matthias Fuchs durch die virtuellen Museen.

Hier landet man etwa im Bauch des Hausen, "die Parabel der Geschichte des Flusses" (Steinbrener), einer bis zu acht Meter langen Störart, der die Donauregulierung ein Ende setzte. Das kunstinfiltrierte Hirn denkt an Damien Hirsts in Formaldehyd eingelegten Hai, wenn der Drei-Meter-Hausen des Naturhistorischen Museums aus der Vitrine schaut. (Doris Krumpl; DER STANDARD, Print-Ausgabe,4.5.2001) www.t0.or.at/capricorn

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