Vier Blickwinkel auf Österreich

4. Mai 2001, 12:45
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Vier heimische RegisseurInnen erkunden, "was in Österreich an Gedankengut vorherrscht"

Wien - Vier der bekanntesten österreichischen Filmemacher und Regisseure suchen vier Blickwinkel auf Österreich. Barbara Albert ("Nordrand"), Michael Glawogger ("Megacities"), Ulrich Seidl ("Models") und Michael Sturminger (Regisseur u.a. von "Das Traumfresserchen" an der Wiener Staatsoper) haben sich im Filmprojekt "zur Lage" (Arbeitstitel) auf eine Spurensuche nach dem begeben, "was in Österreich an Gedankengut vorherrscht", wie Glawogger bei einer Pressekonferenz in Wien anlässlich des Endes der Dreharbeiten sagte. Gefunden haben sie "lauter winzige Welten", so Sturminger.

Das Präge-Ereignis

Die Initialzündung für den Film sei die Bildung der ÖVP-FPÖ-Koalition gewesen, "Der Aufschrei, der damals durch das Land ging, hat viele Filmemacher erfasst", so Produzent Erich Lackner von der Lotus Film. Obwohl damals "Entsetzen darüber, was in diesem Land möglich ist", geherrscht habe, sei der Film "politisch nicht brisant", so Seidl: "Wir wollten keinen sogenannten Widerstandsfilm machen, der aktuell reagiert, sondern nach Ursachen fragen".

Mit unterschiedlichsten Vorgehensweisen näherten sich die vier Regisseure den Österreichern, vieles ergab sich erst während der Dreharbeiten: Albert näherte sich dem Thema über Porträts von Frauen, sie wollte zeigen, "wieviel Frauen wissen, wie sie die Welt sehen". Sie sei "zum Teil wirklich erschrocken bei den Dreharbeiten", es gebe bei den Frauen "sehr wenig Information, sehr viel Fehlinformation". Glawogger umrundete Österreich entlang der Grenze als Autostopper, er ließ "die Leute mich aussuchen". In der "sehr privaten Atmosphäre" des Autos habe es nur "leichter Kicks" bedurft, um "politische Tiraden oder sehr private Geständnisse" zu bekommen. "Verwunderlich" sei die starke Vermischung von Privatleben und Politischem.

"Alle arbeitslos, alle trotzdem mit Handy"

Schwierig, Leute zu finden, die vor der Kamera ihre Meinung kundtun, fand es Seidl, der eine "Interviewspirale, die den Alltagsfaschismus ad absurdum führen" sollte, geplant hatte. "Also machte ich das, was ich immer in solchen Situationen mache: Drehen, was sich ergibt" - es wurden Skizzen, kleine Porträts. Seidl zeigt unter anderem eine siebenköpfige Familie, "alle arbeitslos, alle trotzdem mit Handy", die versuchen, "alles, was möglich ist an Geldern aus diesem Staat herauszuholen", aber den "Staat hassen und für ihre finanzielle Misere verantwortlich machen".

Sturminger holte sich mit TV-Moderator Dieter Chmelar ("für die Leute ein Mensch von einem anderen Stern") einen "Tür-Öffner" in die Welt der österreichischen Familien, wo "Generationen aufeinander treffen" und "autoritäre Strukturen quasi mit der Muttermilch weitergegeben werden". Die Menschen nehmen dadurch, dass "die demokratischen Strukturen in Österreich noch so jung sind", "Politik wie eine unbeeinflussbare Konstante, wie das Wetter wahr", Sturminger war erstaunt, "wie verflucht unpolitisch es noch immer ist".

Kein herkömmlicher Episodenfilm soll der Film werden, sondern die vier Ansätze zu einer Erzählstruktur verknüpfen. In der endgültigen Fassung wird er zwischen 90 und 100 Minuten lang sein. Er wird mit Mitteln aus dem Wiener Filmförderungsfonds, des ORF und des Österreichischen Filminstituts von der Lotus-Film produziert, das Gesamtbudget liegt bei rund zwölf Millionen Schilling. Die Dreharbeiten haben im Dezember 2000 begonnen. Fertiggestellt soll der Film im Herbst sein.(APA)

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