Das Tanz-Phantom der Puppenmacherin

3. Mai 2001, 21:39
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Catherine Guerin choreographiert in Wien

Wien - Am Samstag feiert das Volksopernballett in Kooperation mit dem Tanztheater Wien unter dem Gesamttitel Underworlds Trippelpremiere: Neben neuen Arbeiten von Liz King und dem Salzburger Nachwuchschoreographen Georg Reischl ist Catherine Guerins Uraufführung Counter Fits zu sehen. Die gebürtige New Yorkerin Catherine Guerin ist hierzulande keine Unbekannte mehr. Sie kreierte Ende der 90er-Jahre zwei Stücke für das Tanztheater Wien und war maßgeblich am Riesenerfolg der Volksopernproduktion Schwanensee Remixed (1999) beteiligt.

Auf eine klare Übersetzung von Counter Fits lässt sich die seit 1991 in Heidelberg lebende Choreographin nicht ein: "In Englisch ist das ein Wortspiel, mit dem man Schwindel oder zum Beispiel Geldfälschung umschreibt. Das hat aber nichts mit meinem Stück zu tun: Hier geht es mehr darum, wie manche Elemente zusammenpassen oder eben nicht zusammenpassen."

Sie spricht damit ihre dafür verwendete Collagetechnik an. Ihre Inspiration oder ihren "Denkanstoß" fand sie in Mary Shelleys Roman Frankenstein. Catherine Guerin: "Natürlich handelt es sich nicht um eine Eins-zu-eins-Übertragung - das möchte ich betonen. Ich sehe in der Erschaffung eines künstlichen Wesens eine wunderschöne Metapher für ein choreographisches Werk, für meine gemeinschaftliche Arbeit mit den Tänzern und Musikern, dafür, wie sich jeder in die ,monströse' Gesamtkomposition einbringt. So wie Frankenstein bauen wir ja am perfekten Monster!"

Catherine Guerin hat an der University of Oregon Tanz und Theater studiert. In ihren letzten, streng konzipierten Arbeiten setzte sie auf eine virtuos artikulierte Tanzsprache. Mit Counter Fits schlägt sie einen neuen Weg in Richtung Schauspiel ein, lässt die Tänzer nicht nur in Bewegung, sondern auch mit Texten postmoderner Autorinnen improvisieren.

"Mir war es wichtig, von einer linearen Arbeitsweise wegzukommen. Das verbinde ich mit dem Femininen: Es handelt sich bei uns um ein weibliches, künstliches Wesen. Doch das Weibliche wird dekonstruiert; wir schauen auf den fragmentierten Körper dieser ,Jederfrau'. Es ging uns immer darum, wie viele Charaktere in so einem Wesen stecken, was unter Identität zu verstehen ist, was unter Original: Wie kann ein Körper eine andere Identität an- und aufnehmen? Wir haben es ja heute immer wieder mit Proben von Imagemacherei zu tun. Und da stellt sich die Frage, wer wen kreiert."

Das zur Musik von Bela Fischer, Stefan Strobl und Sebastian Schlachter kreierte, rund 30-minütige Patchwork darf ruhig als Experiment, als Resultat einer mehrwöchigen Recherche verstanden werden. Dass man heute dem Bewegungsrepertoire kaum noch etwas Neues hinzufügen kann, ist Catherine Guerin natürlich bewusst. Und so interessiert sie "die Mischung verschiedener Elemente, in denen es Neues zu entdecken gilt". An das Publikum apelliert sie, selbst zu entscheiden, "was in seinen Köpfen ein Monster ist". (Ursula Kneiss, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 4.5.2001)

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