... auf eine Jahreszeit
(von Daniel Glattauer)

3. Mai 2001, 21:05
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Vielleicht erinnern Sie sich noch. Er kam gern schon im März, pustete in der Früh den Reif von den Feldern, jonglierte mit Wolken und Nebelfeldern, hob sich dabei aber nie einen Bruch. Er war ein Leichtgewicht. Wenn er übers Land zog, hinterließ er zarte Grüntöne, dirigierte er schüchterne Vogelchöre, legte eine Spur sanfter Wärme an den Tag und auf die kühle Erde.

Er war ein Meister des Übergangs. Er ließ uns den strengen Frost vergessen und bereitete uns schonend auf übertriebene Hitze vor. Er war kein Hetzer und niemals selbst der Gehetzte. Er ließ die Zeit um sich reifen. Er war ausgeglichen, stets in seiner Mitte. Er war die Ruhe in Saison.

Wenn es ihm gefiel, blieb er bis in den Juni hinein bei uns. Er war ein Ästhet, spielte mit Farben, umgab sich mit frischen Gerüchen. Und er war ein Modezar. Seine Marke hieß "Übergang". Niemals gingen wir ohne seine Westen außer Haus.

Nun, er ist nicht mehr. Zuletzt machte er sich immer rarer. Heuer warteten wir vergeblich auf ihn. Er kam mit den Extremen nicht mehr zurecht, wurde Opfer eines Klimas, das kein stetes Werden zulässt, nur noch ein schnelles Sein. Als er den Winter verabschiedete, fraß ihn der Sommer auf. Wir nannten ihn: Frühling. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 4. 5. 2001)

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