Der rockende Kleiderbügel

3. Mai 2001, 19:14
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Stephen Malkmus begeistert mit seiner Band in der Szene Wien

Wien - Warum findet man jemanden wunderbar, der öffentlich elend daran scheitert, eine Bierdose zu öffnen? Eine kleine noch dazu! Warum fliegen jemandem Herzen zu, der aussieht wie der paradeleptosome Kleiderbügel aus dem Anatomiebuch? Einer Figur, die Sport immer schon als unnötig empfunden hat und deshalb konsequenterweise ein T-Shirt mit einem "Running sucks"-Aufdruck trägt und wahrscheinlich im Sitzen pinkelt? Warum? Darum.

Stephen Malkmus, dessen Erscheinung am Mittwoch in der Szene Wien als sowohl klischeetriefend wie auch wahr beschrieben werden muss, wurde in den 90er-Jahren mit seiner US-Band Pavement als Gegenmodell zum Grunge gehandelt. Eher introvertiert sein als zu laut, lieber ein gutes Buch lesen, als nur blöd Biere zwitschern - oder es zumindest versuchen.

Slacker nannte der Zeitgeist solche Erscheinungen, und Pavement-Alben wie Crooked Rain galten als Soundtrack zum unaufgeregten Leben.

Pavement gibt es nun nicht mehr, ihr Frontmann Malkmus setzt jedoch mit seinem titellosen Debütalbum konsequent deren Weg fort. Besser sogar. So präsentierte er mit seinem Quartett - samt Bassistin der Marke "Heirate mich, fremdes Wesen, bitte!" - live seine Songs druckvoll und kompakt. Kaum tauchten die früher üblichen, basisdemokratisch abgesegneten Gitarrenquengeleien im Zeichen eines - Räusper - kreativen Dekonstruktivismus auf. Malkmus rockte! Lockere Keyboards unterstützten die poppigen Melodien, die weite Strecken seines Albums charakterisieren.

Zwischen den Songs lächelte Malkmus artig und charmant und spielte sich natürlich auch durch ein paar ausgewählte Pavement-Songs wie etwa aus dem geheimen Meisterwerk der Band, Wowee Zowee. Das volle Haus lag ihm dafür weniger zurückhaltend zu Füßen, genoss "intelligente" Rockmusik und war sich wohl zumindest im Geheimen darüber einig, dass im Sitzen sein Geschäft zu verrichten eh viel gemütlicher geht. Stimmt doch! Malkmus jedenfalls bewies, dass er einer von den ganz Guten ist.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 5. 2001)

Von
Karl Fluch

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