Lya de Putti in der Hohlweggasse

3. Mai 2001, 19:10
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"Journal des Verschwindens" (XXVII)

Vor einigen Tagen Das indische Grabmal mit La Jana und Lya de Putti im Imperialkino. Da mein Zweifel an ihrer Existenz dem an der meinigen längst adäquat war, ertrug ich Fritz Langs Film aus dem Jahr 1928, das gleißende indische Licht aus demselben Jahr und die schlechte Kopie leichter.

Lange vor dem ersten Schultag hatte Lya de Putti mir die Hoffnung auf unanfechtbare Gewissheiten verschafft. Ihr Name gehörte zu den Tönen, die durch die Wohnung unserer Großmutter klangen, aus dem Mund der jüngsten Schwester unserer Mutter. Sobald Ernas Chopin-Etüden zugleich mit dem Klirren der Topfdeckel nachließen, fiel definitiv ein für mich bis heute entscheidender Satz oder, falls eine Tür zuschlug und den Beginn löschte, sein präzises Ende: ". . . an einem Hühnerknochen erstickt."

Wieder war eingetreten, was wir atemlos erwartet hatten: Der Hühnerknochen und Lya de Putti hatten zueinander gefunden. Der Satz hob Verlassenheit und Langeweile auf und fiel kein zweites Mal. Was ihn anderen Sätzen überlegen machte, war sein Tonfall: Er klang von Sonntag zu Sonntag unwahrscheinlicher und amüsanter. Unser Großvater wollte noch etwas zur Marne-Schlacht anmerken, aber es gelang ihm nicht.

Am 20. November 1931 wurde Lya de Putti, der exzentrische Stummfilmstar, nach einem Selbstmordversuch in das Harbor Sanatorium eingeliefert. Am 30. November fand die Trauerfeier in St. Patrick statt, vom Atlantik her trieben tief liegende Wolken.

Je bestimmender eine Erfahrung ist, desto unvertauschbarer wird ihr Ort: Wie für Lya de Puttis endgültige Erfahrung das Harbor Sanatorium an der Madison Avenue in New York entschied, konnte meine Schwester und mich die Nachricht davon nur an dem Ort erreichen, der ihr gemäß war: in einem Straßenzug des dritten Wiener Gemeindebezirks, die Nummer 1 links vom Haustor, dann zwei Treppen hoch.

Dort, in der stillen Wohnung auch wieder nur ein Raum, der Mittagstisch kurz vor oder nach dreizehn Uhr. Bis heute fällt für mich der Satz in eine noch nicht von Gott verlassene Mittagsstille. Was ihn noch immer einigen anderen Sätzen überlegen macht, ist sein Tonfall: Er klang amüsiert, bis zu einem gewissen Grad erlöst und hing schräg im Raum. Kurz darauf wurden wir in der Klosterschule angemeldet, bekamen blaue Uniformen, Schulbücher und Schulhefte und hörten von Gott im Himmel, der uns nicht weiter betraf. Die Nachricht von Lya de Putti war jeder anderen überlegen, sie hatte wenig mit anderen und noch weniger mit göttlichen Personen zu tun. Aber mit dem Kino.

Auch meine Schwester und ich hatten wenig mit anderen Personen als mit denen in der Hohlweggasse 1 zu tun: Die jüngste Schwester unserer Mutter übte täglich sieben Stunden, ehe sie ins Kino ging oder die Bemerkung über Lya de Putti machte. Sie ging auch gern spazieren, am liebsten hinauf zum windigen, öden Fasangürtel, wo im Arsenal Waffen aus den zwei letzten Kriegen an den Wänden hingen oder zwischen den Fenstern standen und wo gegen den Spätherbst zu jede Art von beginnender Lungenentzündung leicht zu haben war.

Die Gegend lag ihr, geriet zu einer Anlaufstelle neuer didaktischer Einfälle für den Klavierunterricht (Stefan Schick, Fräulein Peterka, Else Friedrich), Reisepläne und Illusionen. Erna trug gern helle Mäntel, war auch oft zu leicht gekleidet, wenn sie vergessen hatte, eine wollene Weste oder ein ärmelloses Gilet mit Goldknöpfen darunter anzuziehen. "Ah, Halali!", rief der Maler Friedrich vom Stockwerk über uns, als er es sah. Aber es reichte ihr, schien sie auch zu wärmen, nicht nur die Lungenentzündungen, auch leichte Verkühlungen blieben aus.

In der Südbahnhalle studierte sie die Fahrpläne nach Triest und Amalfi, Umstiegsmöglichkeiten, Abfahrtszeiten. Gegen den Abend und gegen den Winter zu nahm die Ziellosigkeit ab, wer verreist gewesen war, kehrte zurück, ein großer Holländer, er hieß Wessenhoove, tauchte im dunklen Vorzimmer auf, und ein oder zwei Öfen wurden geheizt.

Obwohl in die Hohlweggasse 1 niemand zurückkehrte, weil niemand auf Sommerfrische gewesen war, brachte die neue Jahreszeit doch andere Aspekte, man hätte leicht verreist gewesen sein können, an die dunklen, unerreichbaren Seen in Salzburg und Oberösterreich oder nach Jesolo und Amalfi, noch unerreichbarer, aber doch wärmer.

Um die Zeit, als Lya de Putti an einem Hühnerknochen erstickte, hatten wir die ersten Buchstaben gelernt. Aber sie haben mich bis heute nicht vom Kino unabhängig gemacht und noch weniger von Lya de Putti. Das verblassende Bild mit den vier weiß gekleideten Mädchen im Flur der Hohlweggasse schien im Kontrast zum schon leicht verdunkelten Fenster weniger absurd, auch Lya de Putti gab ihre Selbstmordabsichten auf.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 5. 2001)

Ilse Aichingers "Journal des Verschwindens" wird nächsten Freitag fortgesetzt.
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