Aus dem Menschenkäfig

3. Mai 2001, 19:53
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"Blutige Anfänger": Georg Staudachers Recken in der Drachengasse

Wien - Sie haben einen gemeinsamen Nachnamen und führen zwei Leben, die einander zum Verwechseln ähnlich sehen. Howie Lee und Rocky Lee sind zwei adrenalinsüchtige Vorstadt-Kids, die durch die modrigen Gassen Dublins streifen, da sie nicht in muffigen Apartments sitzen wollen. Zwei Outlaws, die einander nicht riechen können, wahrscheinlich weil ihnen so viel Dreck gemeinsam ist, und am Ende von Georg Staudachers Inszenierung, die die Stimmungen dieser Abbruchclique sehr genau trifft, doch Freunde im Geiste werden. Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.

Der junge irische Dramatiker Mark O'Rowe (29) hat ein Stück von jener Sorte geschrieben, die das Theater wieder mit dem harten Pflaster der Straße aussöhnt: Howie the Rookie; oder wie es in der Übersetzung, die den Dubliner Dialekt leider in die deutsche Hochsprache transponiert, nicht unpassend heißt: Blutige Anfänger. Zwei aneinander gestückelte Monologe, in denen die zwei Aggressionsgebeutelten, diese im Blut-und Hoden-Gewäsch Sozialisierten, immer wieder an einem Strang ziehen.

Zuerst spricht auf der eingezäunten Bühne des Theaters Drachengasse, einem wahren Un-Ort der unwirklichsten Asphaltatmosphäre, der dunkle, grüblerischere Howie: Er beginnt damit, wie er ins Auto seiner Freunde springt, um Rookie, dem Schönling, eins drüberzugeben. Am Ende, wenn er nach einem erfolglosen Abenteuer mit einer Blondine nach Hause kommt, empfängt ihn die Nachricht, dass sein kleiner Bruder überfahren wurde.

Schnitt und nach einer knappen Stunde Monolog, in dem sich Simon Hatzl als Losertyp, der so gerne groß, stark und wild wäre, merklich steigert, ist Rookie dran: Er steckt in ernsthaften Schwierigkeiten, aus denen ihn nur einige Hundert Pfund erretten können, die er allerdings nicht hat. Die Rettung des selbstverliebt schönen Recken, den Christoph von Friedl im lehmverschmierten Adamskostüm mit ruhig noch ausbaubaren Zwischentönen gibt, bringt Howie, der sich für den Straßengenossen in die Bresche wirft - und dabei eines unappetitlichen Todes stirbt.

Ein stickiges Ende im Menschenkäfig: Staudacher beginnt mit der Wucht eines STOMP-Auftrittes und gibt seinen Mannen nach und nach Luft. Das tut dem Zuhörer gut, der die Bilder zu der Geschichte selbst aus dem gewaltigen Fundus dieses Regisseurs fischen darf.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 5. 2001)

Von
Stephan Hilpolt

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