Mord ohne Trennung

3. Mai 2001, 20:52
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Wie ein Täter neben seinem toten Opfer weiter lebte

Die türkischen Nachbarn können nichts Schlechtes über das polnische Paar in Wien-Landstraße sagen. "Die waren immer zusammen einkaufen", erinnert sich eine Zeugin. - "Ich war dann sehr enttäuscht." (Als sie es erfuhr.) Gestunken hat es im Haus schon länger. Aber alle dachten an die Mülltonnen. Keiner an eine Leiche.

Janusz hat - im scharfen Kontrast zu der phlegmatischen Haltung, die der kleine gedrungene Mann in der Anklagebank einnimmt - seine Lebensgefährtin Helena mit dem Hammer erschlagen. Er hat der Leiche die Genitalien herausgeschnitten und ihr Teile der Haut abgezogen. Er hat, "damit das Blut nicht ausrinnt", die Tote in einen Plastiksack gepackt und diesen in der Duschkabine abgestellt. Dann hat er neben der Leiche weiter gelebt, weiter getrunken und weiter geschlafen. "Ich wollte mich nicht von ihr trennen", sagt er. Nach 14 Tagen alarmierte der Hausverwalter die Polizei. Janosz empfing die Beamten mit den Worten: "Ich bin froh, dass Sie gekommen sind."

Der Pole bekennt sich des Mordes nicht schuldig. "Ich kann mich nicht daran erinnern", sagt er. Er weiß nur noch: Alles war in Ordnung, Streit hatte es in den zehn Jahren nie gegeben. Zuletzt hatte er dem Alkohol zugesprochen. Das sah Helena nicht so gern. "Und einmal hat sie mich belogen", fällt ihm ein. Die Art der Leichenschändung deutet auf ein Eifersuchtsmotiv hin. Davon will er nichts wissen.

An Abend vor der Tat hatte er viel getrunken. Helena sei von der Arbeit nach Hause gekommen und recht früh schlafen gegangen. Er hätte noch ferngesehen und einen Doppelliter rot geleert. "In der Früh bin ich wach geworden", erzählt er. "Da habe ich die blutige Leiche gefunden." - "Was hat er sich da gedacht?", fragt der Richter (den Dolmetscher). "Katastrophe", erwidert er. "Wahrscheinlich habe ich sie mit dem Hammer erschlagen." Sicher sogar. Die Tür war von innen zugesperrt.

Der medizinische Gutachter konnte zehn wuchtige Schläge nachweisen. Die Frau dürfte dabei im Schlaf überrascht worden sein. Sie hatte sich nicht gewehrt. Der Psychiater hält Janosz (naturgemäß) für eine "gefühlsarme, zu Aggressionsdurchbrüchen neigende, frustrationsintolerante Persönlichkeit". Der Psychologin fiel obendrein sein "abwertendes Frauenbild" auf.

Die Geschworenen beraten nicht lange. Janosz wird wegen Mordes und Störung der Totenruhe zu lebenslanger Haft verurteilt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 4. 5. 2001)

Von Daniel Glattauer
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