Schweiz: Weiter Aufregung um Tod eines Asylbewerbers im Polizeigewahrsam

3. Mai 2001, 19:24
posten

Liga für Menschenrechte kritisiert Abschiebepraxis

Sitten - Die schweizerische Liga für Menschenrechte übt nach dem Tod eines Schubhäftlings im Kanton Wallis harte Kritik an der Abschiebepraxis in der Schweiz. Von ihren Gefängnisbesuchen sei ihr die Brutalität solcher Abschiebungen bekannt, schreibt die Liga.

Die Brutalität bei "Ausschaffungen" drücke sich oft in Schlägen aus, die zu Atembehinderungen führten. Schürfwunden, Wunden, die genäht werden müssten und andere Spuren von Misshandlungen seien festzustellen, teilte die Genfer Sektion der Liga am Donnerstag mit.

Laut der Genfer Sektion ist der Tod des Mannes aus Nigeria nichts anderes als der Ausfluss der Schweizer Gesetzgebung über die Zwangsmaßnahmen im Ausländerrecht. Das Gesetz ermächtigt die Behörden zu Zwangsabschiebungen. Die Liga hatte sich gegen das Regelwerk gestellt.

Gewaltanwendung

Der 27-jährige Nigerianer war am Dienstag bei der Abschiebung in Granges im Kanton Wallis gestorben. Der Asylbewerber wurde um 2.00 Uhr früh von zwei Kantonspolizisten abgeholt, die ihn zur zwangsweisen Ausschaffung zum Flughafen Zürich hätten eskortieren sollen. Weil sich der Mann heftig widersetzte, wendeten die Beamten mit Hilfe eines herbeigerufenen Aufsehers Gewalt an, um dem Schubhäftling Handschellen anzulegen.

Der Nigerianer blieb daraufhin leblos liegen. Wiederbelebungsversuche fruchteten nicht, und der später eingetroffene Arzt konnte um 3.00 Uhr nur noch den Tod des Asylbewerbers feststellen.

Es ist dies nicht der erste Todesfall bei einer zwangsweisen Abschiebung von abgewiesenen Asylbewerbern: Am 3. März 1999 erstickte ein 27-jähriger Palästinenser bei einem Abschiebeversuch am Flughafen Zürich-Kloten. Um ihn am Schreien zu hindern, hatten ihm die begleitenden Beamten den Mund zugeklebt.

Inzwischen ist gegen die Beteiligten - drei Polizisten und ein Arzt aus dem Kanton Bern - Anklage erhoben worden. Ihnen wird fahrlässige Tötung vorgeworfen.

Die Vorfälle in der Schweiz weisen Parallelen zur Affäre Marcus Omofuma in Österreich auf. Der Nigerianer war am 1. Mai 1999 im Zuge seiner Abschiebung auf dem Flug nach Sofia umgekommen, nachdem ihm die drei begleitenden Fremdenpolizisten mittels Klebeband den Mund verschlossen hatten. (APA/sda)

Share if you care.