Gedenken und andere Fragen der Pietät

4. Mai 2001, 21:17
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Bei der Veranstaltung gegen Rassismus in der Hofburg glänzte ein Großteil der Regierung durch Abwesenheit

Wien - Der Ton des Tagebuches, aus dem Michael Heltau vorlas, stand in auffallendem Kontrast zur rot-goldenen Pracht des Großen Redoutensaales der Wiener Hofburg. Heltau las aus den Aufzeichnungen Victor Klemperers, der 1935 seinen Lehrstuhl für Romanistik an der Technischen Universität Dresden aufgrund seiner jüdischen Abstammung aufgeben musste und der sich bis Ende des Krieges unter Schikanen der peniblen Dokumentation des alltäglichen Terrors der NS-Herrschaft widmete.

Brenneisen der Stigmatisierung

Von der "Sprache des Dritten Reiches", die Klemperer archivierte und deren Funktion als Brenneisen der Stigmatisierung er buchstäblich am eigenen Leib erfahren musste, schlug Bundespräsident Thomas Klestil in seiner Rede den Bogen zum Sprachgebrauch in der aktuellen politischen Debatte: "Die Sprache mag ein Kleid der Gedanken sein; es ist allerdings für das Denken nicht gleichgültig, in welche Sprache es sich hüllt." Wolle man ernsthaft die Anfänge von "Rassismus, Totalitarismus und Antisemitismus" bekämpfen, müsse man bei der Sprache beginnen, betonte Klestil.

Und an die Adresse eines guten Teiles der Eingeladenen, die Abgeordneten des National- und Bundesrates: "In diesem Zusammenhang habe ich wiederholt gefordert, dass wir uns gerade in der Politik um eine versöhnliche Sprache bemühen müssen. Eine unbedachte oder auch gezielt verletzende Ausdrucksweise kann zu einem Riss führen, der über die Tagespolitik hinaus das Land entzweit."

"Verrohung der Sprache"

Klestils Warnung vor der "Verrohung der Sprache", seine Mahnung, die Werte der Demokratie nicht "zum Spielball von Politjongleuren" werden zu lassen, traf auf durchaus selektives Interesse. Denn manch einer, an den die dem Anlass entsprechenden Überlegungenen des Präsidenten hätten gerichtet sein können, fand den Weg nicht in die Hofburg. Vor allem die FPÖ zeichnete sich durch breite Abwesenheit ihrer Spitzenkräfte aus.

Die Anwesenheit von Justizminister Dieter Böhmdorfer, Staatssekretärin Mares Rossmann, Bundesratspräsident Gert Klamt und Generalsekretärin Theresia Zierler entsprach gerade noch den Mindestanforderungen protokollarischer Höflichkeit. Von 16 aktuellen Regierungsmitgliedern gaben einander gerade sechs die Ehre, allen voran Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, Außenministerin Benita Ferrero-Waldner, Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer und Staatssekretär Alfred Finz. Dafür waren mehr als 20 ehemalige Minister, Gewerkschafter sowie die Chefs der Oppositionsparteien, Alfred Gusenbauer und Alexander Van der Bellen, gekommen. Sie und Vertreter der Religionen, wie Oberrabbiner Chaim Eisenberg oder Nuntius Donatus. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 5.5.2001)

Von Samo Kobenter

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