Georg-Büchner-Preis geht an Friederike Mayröcker

3. Mai 2001, 13:38
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Krönung ihres langjährigen Schaffens - "Freue mich sehr"

Wien - Ihre schwarz verhüllte Gestalt, ihre zettelübersäte Wiener Wohnung und ihre manische Arbeitsweise haben Friederike Mayröcker zu einer Art Legende gemacht. Als "bekannt, aber nicht gekannt" bezeichnete ein Literaturwissenschafter einmal die Dichterin, deren Werk immer noch der Ruf, "hermetisch" zu sein, anhaftet. Nun wird die große österreichischen Poetin mit dem Naheverhältnis zur experimentellen Literatur mit der angesehensten Auszeichnung der deutschsprachigen Literatur geehrt, dem Georg-Büchner-Preis.

1924 in Wien als Tochter eines Lehrers und einer Modistin geboren, war Mayröckers Kindheit nach eigenen Aussagen geprägt von den Sommermonaten, die sie bis zu ihrem elften Lebensjahr im elterlichen Anwesen in Deinzendorf an der tschechisch-niederösterreichischen Grenze verbrachte, wegen ihrer zarten Gesundheit stark von der Außenwelt abgeschirmt. Bereits als 15-jährige begann sie kurze emotionale Prosatexte zu schreiben. In der von Otto Basil herausgegebenen Literaturzeitschrift "Plan" veröffentlichte Mayröcker 1946 erste Gedichte. Im selben Jahr begann sie als Englischlehrerin an Wiener Hauptschulen zu unterrichten, bis zu ihrer Beurlaubung 1969. Ein 1950 begonnenes Germanistik-Studium musste sie abbrechen, weil ihre Lehrerinnentätigkeit die wirtschaftliche Basis der Familie sicherte.

"Larifari. Ein konfuses Buch"

1951 stieß Mayröcker zu einem Kreis junger Autoren um Hans Weigel, dem u.a. Ingeborg Bachmann und Hertha Kräftner angehörten. Sie lernte Andreas Okopenko kennen und 1954 Ernst Jandl, mit dem sie bis zu dessen Tod im Jahr 2000 eine enge Freundschaft verband. Die drei schufen gemeinsame Textmontagen und unterhielten Kontakte zur Wiener Gruppe, ohne sich ihr anzuschließen.

Ehe Mayröcker sich deren experimentelle Techniken der Collage, Montage, Assoziations- und Traumarbeit aneignete, erschien 1956 "Larifari. Ein konfuses Buch" mit Prosaskizzen der vorexperimentellen Phase. Da es für Avantgarde-Literatur in Österreich keine Publikationsmöglichkeiten gab, vergingen Jahre bis zur nächsten Veröffentlichung in Deutschland. 1964 erschien ihr schmaler Gedichtband "metaphorisch", 1966 schließlich brachte Rowohlt die umfangreiche Gedichtauswahl "Tod durch Musen" heraus. Zwischen 1967 und 1971 verfasste Mayröcker eine Reihe von Hörspielen, vier davon gemeinsam mit Jandl, darunter das 1968 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnete "Fünf Mann Menschen".

Nach den beiden experimentellen Prosabüchern "Minimonsters Traumlexikon" (1968) und "Fantom Fan" (1971) wandte Mayröcker sich vom "experimentellen Purismus" ab, um wieder mehr Erfahrungswirklichkeit in ihre Arbeit zu integrieren. Diesen Einschnitt markiert die Erzählung "je ein umwölkter gipfel" (1973). In der Folge versuchte die Dichterin, eine "neue experimentelle Romanform" zu entwickeln. Mit suggestiver, metaphorisch geprägter Prosa von lyrischem Charakter löste sie herkömmliche Vorstellungen von erzählender Literatur, Geschichte und Identität auf und beeinflusste damit junge Autoren im gesamten deutschen Sprachraum.

Mayröckers große Prosa-Arbeiten - "Die Abschiede" (1980), "Reise durch die Nacht" (1984), "Das Herzzerreiszende der Dinge" (1985), "mein Herz mein Zimmer mein Name" (1988), "Stilleben" (1991), "Lection" (1994) sowie "brütt oder Die seufzenden Gärten" (1998) - sind "keine Autobiografie, dennoch authentisch", wie die Autorin es einmal charakterisiert hat. Sie hat für sich selbst "Biografielosigkeit als Lebenshaltung" reklamiert und will hinter ihrem Werk verschwinden. In Vorbereitung ist bei Suhrkamp das gesammelte Prosawerk der Autorin in sechs Bänden. Zuletzt erschien im Februar "Requiem für Ernst Jandl", in dem sie den Tod ihres "Hand- und Herzgefährten" verarbeitete.

Seit 1988 werden Mayröckers literarische Vorarbeiten als Nachlass zu Lebzeiten von der Wiener Stadt- und Landesbibliothek gesammelt. Mayröcker ist u.a. mit dem Großen Österreichischen Staatspreis (1982) und dem Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich (1987) ausgezeichnet worden, weiters mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis 1993, dem Else-Lasker-Schüler-Preis 1996 und dem Meersburger Droste-Preis 1997.

"Ernst Jandl hätte sich gefreut wie ich"

"Ich freue mich sehr und bin sehr glücklich. Der Wermutstropfen dabei ist, dass Ernst Jandl das nicht erlebt hat. Er hätte sich genauso gefreut wie ich." So reagierte Friederike Mayröcker am Donnerstag auf die Zuerkennung des Georg-Büchner-Preises. Mayröcker sieht mit der Auszeichnung nicht sich als Person gewürdigt, sondern ihr Werk. "Es ist mein Werk, das ausgezeichnet wird, ich wüßte nicht, was an meiner Person so interessant wäre."

Dass in den vergangenen Jahren zahlreiche Österreicher mit der angesehensten Auszeichnung der deutschsprachigen Literatur bedacht wurden, etwa Mayröckers verstorbener Lebensgefährte Jandl 1984, führt die Schriftstellerin auf die "herausragende Stellung" vieler ihrer österreichischen Kollegen zurück. (APA/dpa)

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