Posträubers Heimweh

4. Mai 2001, 23:27
posten

71-jähriger Ronald Biggs ist für die Heimkehr bereit

Wenn sie ihr Ende voraussehen, zieht es selbst hartgesottene Straftäter an den Ort ihres Vergehens zurück: Dieser sonst eher philosophische Wunschtraum alter Kriminologen auf den krimigeschulten britischen Inseln scheint im Fall ihres berühmtesten Verbrechers unversehens Wahrheit zu werden, bei Ronald "Ronnie" Biggs, einem jener Posträuber, die 1963 bei ihrem Zugüberfall mehr als zweieinhalb Millionen Pfund erbeutet hatten.

Rekordbeute

Diese Beute war Rekord, damals waren das mehr als 210 Millionen Schilling (15,3 Millionen Euro). 15 Täter wurden später verhaftet, 14 saßen ihre Strafe bis zur üblichen späten Begnadigung ab. Biggs war der Einzige, dem nach 15 Monaten Haft der Ausbruch gelang.

Der Rest seiner Geschichte besteht aus einem ständigen Wechsel zwischen Entdeckung und Flucht, neuer Verhaftung und neuem Entkommen. Bis Biggs vor 25 Jahren nach Brasilien kam und dort mit einer Striptease-Tänzerin einen Sohn zeugte. Das sicherte ihn vor dem Zugriff der Scotland-Yard-Fahnder, denn Brasilien liefert keine Väter brasilianischer Kinder aus. Seither machte er sich mit spöttischen Aktionen aller Art über die britische Justiz lustig.

Ronald Biggs ist ein Selbstdarsteller voller Hochmut. In Rio de Janeiro war er gern gesehener Gast in Kneipen und Bordellen, bis drei Schlaganfälle den jetzt 71-Jährigen vor zwei Jahren seiner Sprachkraft beraubten. Er kann offenbar nur noch schreiben. Und jetzt sieht es so aus, als habe er jede Lust an seiner Freiheit verloren.

Er empfing zwei Redakteure des Boulevardblatts Sun und ließ seinen Sohn Michael den britischen Behörden ausrichten, er wolle sich ergeben. Die skeptischen Yard-Beamten fragen sich jetzt, ob der Mann, mit dem die Sun sprach, wirklich der gesuchte Biggs ist. Chefinspektor John Coles, im Yard zuständig für Organisiertes Verbrechen, erhielt jedenfalls ein von "Ronald Biggs" unterzeichnetes E-Mail.

"Ich will mich Ihnen ergeben", steht darin, und weiter: "Dafür brauche ich einen britischen Pass. Ich erwarte, bei meiner Ankunft am Flughafen Heathrow verhaftet zu werden, und ich unterwerfe mich dem Lauf von Recht und Gesetz." Er fügte aber hinzu, er hoffe, dann "frei sein und an der britischen Kultur wieder teilnehmen zu können".

Vorerst keine Gnade

Das aber wird schwierig: Auf wenig sind britische Staatsvertreter so stolz wie auf ihr "Recht und Gesetz". Kaum eine Straftat wurde so gnadenlos verfolgt wie dieser Postraub. Die Oppositionssprecherin Anne Widdecombe, Scotland-Yards-Sprecher und schließlich Regierungsvertreter erklärten inzwischen einhellig, zuerst müsse Biggs Recht widerfahren. Er werde ins Gefängnis wandern, man werde wohl ein neues Verfahren eröffnen, und frühestens in zwei oder drei Jahren könne man erwägen, ihm vielleicht Gnade zu gewähren.

Keine guten Aussichten also für einen kranken, alten Mann, auch wenn der Kriminelle noch immer via Internet weltweit Kontakte pflegt und seine Bewunderer hat. Noch vor drei Wochen wollte "Dein größter Fan Zosha Czyzewska" wissen, ob er "all das wieder machen" würde.

Für Frauen hatte Ronnie immer ein Herz: ,,Ich kann zwar Deinen Namen nicht aussprechen'", antwortete er, "aber ja, ich würde."
(DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2001)

Posträuber Ronald Biggs will sein Leben in seiner Heimat beenden, dort aber wartet auf ihn das Gefängnis, berichtet Standard- Korrespondent Reinhart Häcker aus London.

Ronnie Biggs im Web
Share if you care.