Spinnwebfeines Leben als Zettelwirtschaft

3. Mai 2001, 19:44
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Friederike Mayröcker erhält den Georg-Büchner-Preis

Ein Leben wie das der großen 76-jährigen Dichterin Friederike Mayröcker, unauffällig wohnhaft in Wien-Margareten, ist arm an äußeren Wegmarken, an Vorkommnissen, die der Aufregung lohnten.

Ein Leben wie das ihre erscheint losgelöst von jedem äußeren Glanz, weil die Autorin es in die rätselhafte Ökonomie einer privaten Zettelwirtschaft überführt hat. In der Dichtung ist dieses singuläre Künstlerinnen-Dasein dennoch glücklich aufgehoben. Friederike Mayröcker hat, mit all den unvermeidlichen Kümmernissen, den alten Traum der Avantgarde still schweigend, still schreibend ins Werk gesetzt: dass das Leben eine Kunst sei.

Das Schreiben, das Bekritzeln von Zetteln, das Belegen von Gesichten und Traumnotaten ist ihr über die Jahrzehnte zur Besessenheit geworden; ein Werkkatalog von rund 50 Titeln bezeugt ihr somnambules Tun, womit keineswegs die Kunstfertigkeit unterschlagen sei, mit der die "Fritzi", so ihr Kosename, Romanvorhaben "ins Werk setzt".

Wieder dies Büchner-Wort: In seinem Namen erhält Mayröcker im Oktober den bedeutendsten Preis der deutschsprachigen Literaturwelt überreicht. Der Tochter eines Schuldirektors und einer Modistin eignet indes nichts lauthals Kämpferisches. Mayröcker verbrachte ihre intensivste Traum-Zeit als Kind auf Sommerfrische im niederösterreichischen Deinzendorf - Kindheitsland, bis heute ihren Texten unauslöschlich eingeschrieben.

Mayröcker absolvierte die Externistenmatura, legte die Staatsprüfung in Englisch ab und arbeitete fortan als Hauptschullehrerin - eine Fron, der sie sich bis weit in die 60er-Jahre hinein unterwarf. Erstveröffentlichungen sind 1946 belegt; die Zumutung ihrer brotberuflichen Obliegenheiten teilte sie mit Ernst Jandl, ihrem späteren Lebensmenschen und poetischen Antipoden, mit dem sie gleichwohl ein inniges Arbeitsverhältnis unterhielt.

Die "Fritzi" brauchte Jahrzehnte, um ihrem Range nach anerkannt zu werden; sie modulierte und konjugierte sämtliche Verfahren, mit denen die Poesie ihren prekären Status als Erkenntnismittel behauptet. Mayröcker, die sich als pechschwarze Figur eines in Österreich kaum zu lebenden Kunsternstes stilisierte, wurde trotz surrealistischer, spinnwebfeiner Texte lange nicht ins Zentrum des Avantgarde-Marktes vorgelassen - Beleg auch für die Macho-Tradition der "Wiener Gruppe".

Noch heute gruppiert die sprödstimmige Poetin ihr reiches, wunderbares Leben um die Hermes-Schreibmaschine. Die Zumutung des Todes hat sie mit Ernst Jandls Ableben schmerzlich erfahren müssen. Ihm zu Ehren hat sie ein "Requiem" geschrieben: ein zartes Ummänteln, Festhalten, Bergen des teuren Toten, in dem einzigen Gewebe, das zählt - der Sprache.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 5. 2001)

Von
Ronald Pohl

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