Nach wie vor aktiv, "sonst explodiere ich"

3. Mai 2001, 12:18
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Pionier-Architektin und Designerin Anna-Lülja Praun wird 95

Wien - Anna-Lülja Praun gehört zu den Pionierinnen der weiblichen heimischen Architekturgeschichte. Die Architektin und Designerin war eine der ersten Frauen, die in Österreich Architektur studierten. Ihr Werk, zum Großteil Inneneinrichtungen, steht für die Verbindung von Wiener Möbeltradition und Moderne, für undogmatische individuelle Gestaltung und erlesene Verarbeitung, ihr Name in einer Reihe mit Persönlichkeiten wie Oskar Strnad, Josef Frank, Ernst Plischke oder Margarete Schütte-Lihotzky. Am 29. Mai wird die gebürtige Russin 95. Im Haus Wittgenstein in Wien ist ihr ab Samstag (10. Mai) eine Werk- und Lebensschau gewidmet.

Anna-Lülja Praun wurde am 29. Mai 1906 in St. Petersburg als Tochter einer russischen Ärztin und eines bulgarischen Juristen geboren, die sich in der Schweiz im Kreis russischer Emigranten kennengelernt hatten. 1909 übersiedelte die Familie nach Sofia, wo der Vater einen Verlag mitbegründete und die Mutter als eine der ersten Frauen eine gynäkologische Praxis aufbaute. Anna-Lülja wuchs mehrsprachig und in einem liberalen und kosmopolitisch geprägten Umfeld auf. 1924 inskribierte sie als einzige Frau ihres Jahrgangs Architektur an der technischen Universität Graz, an der erst seit 1919 Frauen zugelassen waren und die in den 20er Jahren einen ausgezeichneten Ruf besaß.

Studienabschluss erkämpfen

Einige Zeit lebte und arbeitete sie in Graz mit dem avantgardistischen Architekten Herbert Eichholzer zusammen. Dessen politisches Engagement als Sozialist - er wurde schließlich 1943 von den Nazis hingerichtet - und ihre eigene familiäre Herkunft - ihr ebenfalls sozialistisch engagierter Vater war bereits 1925 in Bulgarien hingerichtet worden - belasteten die Russin 1934 in Österreich. Praun wurde für kurze Zeit verhaftet und konnte sich anschließend nur unter größten Mühen 1938 ihren Studienabschluss erkämpfen. In der Zwischenzeit arbeitete sie unter anderem im Atelier von Clemens Holzmeister, wo sie ihren späteren Mann, den aus einer Tischlerdynastie stammenden Architekten Richard Praun kennenlernte.

1939 verließ sie Graz über Berlin und Paris in Richtung Sofia wo sie bis 1941 im Ministerium für Eisenbahn und Wasserverkehr arbeitete. 1942 kehrte sie wieder nach Österreich zurück, heiratete in Wien Praun, von dem sie sich später wieder trennte, und brachte im selben Jahr die Tochter Swila zur Welt. 1952 eröffnete sie ein eigenes Atelier in Wien und arbeitete parallel bis 1959 im Einrichtungshaus Haus & Garten, das der nach Schweden geflüchtete Architekt Josef Frank 1925 gegründet hatte.

"Ihr ästhetisches Programm ist die absolute Programmlosigkeit", beschrieb der Architekturtheoretiker Friedrich Achleitner einmal Anna-Lülja Prauns Credo. Sie selbst sagt: "Die Gültigkeit der Form muss solange währen, wie das Material hält". Die perfekte Harmonie, die ihre aus edlem Material und mit hoher Handwerkskunst gefertigten Maßmöbel ausstrahlen, entstehen in intensiver Auseinandersetzung mit dem Auftraggeber und dem Raum. Zu ihren bekanntesten Arbeiten zählen u.a. eine Ledersitzbank für Herbert von Karajan aus dem Jahr 1959, die Praun nach dessen Tod wieder zurückgekauft hat, und ein Komponierpult für György Ligeti, dessen Haus sie 1980 umbaute. Weiters adaptierte sie u.a. Wohnhaus und Galerie der Familie Sailer in Salzburg und gestaltete für den Unternehmer Wolfgang Denzel mehrere Wohnungen und seine Segelyacht.

Verleihung des Ehrenkreuzes

Nach wie vor ist Anna-Lülja Praun aktiv. "Sonst explodiere ich", erklärt die zierliche Designerin im Gespräch mit der APA. In ihrer Wiener Wohnung arbeitet sie derzeit an einem Auftrag für eine Zürcher Familie. Mehrere krankheitsbedingte Unterbrechungen haben sie in Verzug gebracht. Nach einem Geburtstagswunsch befragt, meint sie, sie wolle unbedingt einen Kasten mit gelbem Lederbezug noch rechtzeitig für die Werk- und Lebensschau fertig stellen. "Ich habe das Gefühl, das ist das letzte Stück, das ich entwerfe."

Trotz der großen Zahl an realisierten Projekten blieb Prauns Werk eher ein Geheimtipp. Öffentliche Anerkennung erhielt sie erst 1981 durch den Preis der Stadt Wien. Erst 1986 wurden ihre Arbeiten durch eine Ausstellung in der Wiener Galerie Würthle erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung im Haus Wittgenstein am 10. Mai um 19.00 Uhr wird Praun das österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse erhalten. Verleihen wird es Kunststaatssekretär Franz Morak (V), die Laudatio hält der Architekt Prof. Friedrich Kurrent.

Die Ausstellung, kuratiert von Lisa Fischer und Judith Eiblmayr, gibt einen umfassenden Überblick über Prauns Arbeiten. Zu sehen ist neben Architektur- und Planzeichnungen sowie realisierten Arbeiten auch teilweise bisher unveröffentlichtes biografisches und persönliches Material aus dem Privatbesitz der Architektin. So etwa ihre Kunstsammlung, zu der Arbeiten von Kandinsky, Clemens Holzmeister oder der von ihr geförderten Designerin Eileen Gray gehören.(APA)

Werk- und Lebensschau: 11. bis 24. Mai Haus Wittgenstein, 3., Parkgasse 18. Täglich von 9.00-17.00 Uhr
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