Algeriens Präsident Bouteflika in der Krise

3. Mai 2001, 17:26
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Konkrete Lösungsvorschläge im Konflikt mit den Berbern bleiben aus

Algier - Normalerweise gibt sich der algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika ganz als Volkstribun und reißt seine Zuhörer mit aufpeitschenden Reden und rüdem Ton mit. Doch angesichts der ersten großen Krise in seiner bisher zweijährigen Regierungszeit scheinen ihm die Worte zu fehlen. Nur dürre Sätze hatte er den Bewohnern der von Unruhen bestimmten Berber-Region Kabylei diese Woche in einer lang erwarteten Fernsehrede zu bieten. Von "Verständnis" für die demonstrierenden jungen Berber sprach Bouteflika, doch konkrete Lösungsvorschläge hatte er nicht parat. Auch Emotionen über den Tod von bis zu 80 Menschen bei den Unruhen zeigte der Präsident nicht. Enttäuscht zog sich die kabylische Partei Sammlungsbewegung für Kultur und Demokratie (RCD) am Dienstag aus der Koalition zurück.

Projekt der "nationalen Versöhnung" stagniert

Bouteflika geht geschwächt aus der Krise hervor. Während sein großes Projekt der "nationalen Versöhnung" und der Wiedereingliederung moslemischer Fundamentalisten nicht richtig in Fahrt kommt, sieht sich Bouteflika mit der Kabylei nun auf einem zweiten Feld mit bürgerkriegsartigen Zuständen konfrontiert. Mit der "nationalen Versöhnung" sollten die bewaffneten Fundamentalisten-Gruppen wieder in die Gesellschaft integriert werden, die in Algerien für die Errichtung eines islamischen Staates kämpfen und dabei seit 1992 für den Tod von 100.000 Menschen verantwortlich sind. Doch die Anschläge und Gemetzel der Moslem-Extremisten gehen weiter. Seit Jahresanfang starben nach Presseberichten bereits mehr als eintausend Menschen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen, darunter 400 islamische Kämpfer.

Der heute 64-jährige Bouteflika war im April 1999 zum Präsidenten gewählt worden, nachdem sich seine sechs Rivalen wegen Zweifeln an der Rechtsmäßigkeit der Wahl zurückgezogen hatten. Zuvor bekleidete er jahrzehntelang wichtige politische Ämter. Geboren wurde er im marokkanischen Oujda, wo seine algerischen Eltern ein Dampfbad betrieben. Bereits im Alter von 19 Jahren kämpfte Bouteflika mit dem Kriegsnamen "Abdelkader Mali" als Kommandant der Nationalen Befreiungsarmee gegen die französischen Kolonialherren. Als Algerien im Jahr 1962 nach achtjährigem Krieg unabhängig wurde, zog Bouteflika als Abgeordneter in die Verfassunggebende Versammlung ein. Wenige Monate später wurde er Minister für Jugend und Sport, bevor er im Jahr 1963 im Alter von 28 Jahren das Amt des Außenministers übernahm. Als Vertrauensmann von Präsident Houari Boumedienne behielt er diesen Posten insgesamt 16 Jahre.

Rund ein Drittel der Bevölkerung Algeriens ist arbeitslos

Der stets elegant gekleidete, freundlich lächelnde Bouteflika entfernte sich nach Boumediennes Tod im Jahr 1978 zusehends vom Zentrum der Macht. Die Militärs verhinderten damals, dass er seinem politischen Ziehvater als Staatspräsident nachfolgte. Drei Jahre später gab Bouteflika alle politischen Funktionen auf und verschwand von der politischen Bühne Algeriens. Sechs Jahre lang blieb er in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo er als Berater arbeitete. 1989 kehrte er in sein Heimatland zurück und schloss sich dem Zentralkomitee der damaligen Einheitspartei FLN an. Fünf Jahre später verzichtete er auf das ihm angetragene Präsidentenamt, das daraufhin Liamine Zeroual zufiel. Erst im April 1999 erklärte er sich zur Präsidentschaft bereit.

Mit den Unruhen in der Kabylei sieht sich Bouteflika seiner ersten großen Krise gegenüber. Mit dem Auszug der RCD hat die Berber-Region keine Vertreter mehr in der Regierung und kehrt in ihre traditionell isolierte Oppositionsrolle zurück. Ursachen der Unruhen sind die desolate wirtschaftliche Lage der Kabylei, fehlende Arbeitsplätze, fehlende Wohnungen und Wut über Korruption und Amtsmissbrauch von Vertretern der Zentralregierung. Landesweit hat der Präsident zudem mit einer Arbeitslosigkeit von rund einem Drittel der Bevölkerung zu kämpfen; die Kaufkraft im Landes hat sich binnen zehn Jahren halbiert. (APA)

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