Wer bedroht unsere Identität? - von Vaclav Havel

3. Mai 2001, 08:23
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Viel wird heutzutage über Identität und Souveränität diskutiert. Was aber bedeuten diese Begriffe eigentlich?

Ich denke, beide sind Ausdruck der allgemeinen Überzeugung, dass eine Gemeinschaft sich nur selbst verwirklichen kann, wenn sie über ihr Schicksal ungehindert selbst bestimmen kann.

Die Debatte darüber verläuft meist ziemlich resignativ, weil Identität und Souveränität angeblich bedroht sind: von der EU, die "uns" alle assimilieren möchte; von der Europäische Kommission mit ihren Richtlinien und Normen; von der Nato, dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank; von der UNO, vom ausländischen Kapital, von westlichen Ideologien und östlichen Mafiosi; von der Amerikanisierung; von den Migrationen aus Afrika und Asien, und weiß der Himmel was noch.

Manche dieser Befürchtungen mögen sogar einen rationalen Kern haben. Alle aber gehen von einem historischen Missverständnis aus - dem Glauben, dass die Wahrung von nationaler Eigenart, von Identität oder Souveränität nicht primär Aufgabe einer Gemeinschaft oder eines Volkes ist, sondern von fremden Mächten kontrolliert wird, die "uns" unserer Identität berauben, oder sie zumindest schwächen wollen.

Ich kann mir allerdings beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Welt nichts anderes zu tun hat, als sich den Kopf zu zerbrechen, wie es einem Volk die Identität stehlen könnte. Wie sehr die Unverwechselbarkeit einer Nation respektiert wird und bis zu welchem Grad eine Gemeinschaft über ihr Schicksal selbst entscheidet, liegt viel mehr primär in den Händen jener, die in ihr leben.

Wie wird dieses Schicksal bestimmt? Das hängt davon ab, ob ein Land sich in der Hoffnung abschottet, von den rauen Winden des Weltgeschehens verschont zu bleiben, oder ob sich die Mitglieder einer Nation zugleich als Bürger dieses Kontinents und dieses Planeten begreifen - als Menschen also, die am Geschehen in dieser Welt teilhaben sich dafür auch mit verantwortlich fühlen. Wir alle stehen schließlich vor der Entscheidung, den selbstmörderischen Fortschrittswahn unserer Zivilisation stillschweigend zu akzeptieren, oder aktiv mitzuhelfen, die Reichtümer dieses Planeten zu bewahren.

Diktat von außen?

Der Zusammenhalt einer Gemeinschaft beruht aber auch auf ganz profanen Dingen: Er hängt davon ab, wir wir zum Beispiel mit unserer Umwelt umgehen und sie bereichern. Er hängt davon ab, wie sehr eine Bevölkerung es zulässt, dass urbane und ländliche Räume durch eine phantasielose Einheitsarchitektur veröden. Diese Fehlentwicklungen haben nichts mit der EU zu tun, mit multinationalen Konzernen oder bösen Ausländern. Dieser Verfall wäre ohne die Zustimmung der Bevölkerung, auf nationaler und lokaler Ebene, nicht möglich. Mit anderen Worten: Die "unsere" Identität zerstören - das sind in erster Linie wir selbst - wir, die wir ihre Hüter und Beschützer sein sollten.

Wer versaut denn das geschriebene und gesprochene Wort mit Klischees, holpriger Syntax und abgedroschenen Phrasen, die wir uns täglich gedankenlos an den Kopf werfen. Wer ist für die sterile Sprache der Werbung auf Plakatwänden und im Fernsehen verantwortlich, die derart unseren Tagesablauf prägt, dass wir ohne sie bald nicht mehr wissen, wie spät es ist? Ist diese Sprachzerstörung nicht auch ein permanenter Angriff auf die Wurzeln unseres kulturellen Erbes? Und sind wir nicht, indem wir willig dabei mittun, auch dafür verantwortlich?

Und gehen wir ruhig noch einen Schritt weiter: Wer erlaubt denn jungen Menschen, von morgens bis abends im Blut zu waten, das auf den TV-Schirmen und Kinoleinwänden fließt, und ist dann auch noch scheinheilig genug, sich über die Gewaltbereitschaft dieser jungen Menschen zu wundern? Wer liest denn den ganzen Schmutz und Pornoschund? Derlei "Vergnügungen" sind keine Erfindung der Bürokraten in Brüssel oder von Vertretern internationaler Institutionen, fremder Staaten oder globalisierter Konzerne, sondern von Bürgern und Bürgerinnen jedes Landes.

Abgesehen von diesen sichtbaren Anschlägen auf die Identität, wie sie in allen Industriestaaten stattfinden, schlagen sich die postkommunistischen Länder auch noch mit ganz anderen Gefahren herum: In den vergangenen zehn Jahren der wirtschaftlichen Transformation sind gigantische Geldsummen aus Banken und Unternehmen verschwunden. Milliarden fließen über dunkle Kanäle in entlegene Oasen, wo der Arm der Steuerbehörde nicht hinreicht. Nur einige wenige Betrüger mussten sich vor Gericht verantworten. Das Schlimmste aber daran ist, dass die Steuerhinterzieher die stille Bewunderung all jener zu genießen scheinen, die sie übervorteilen.

Was sind das für Menschen, die ihre Schulden nicht bezahlen, die Mörder dingen, um sich ihrer Gläubiger zu entledigen? Und wie sollen jene unter ihnen, die in der Politik agieren, anderen je ein gutes Beispiel abgeben, wenn sie ihre betrügerischen Machinationen auch noch mit einem blöden Grinsen leugnen? Wer streut das Gift der Zwietracht in unser öffentliches und politisches Leben, Egoismus, Hass, Neid, Verrat und Betrug? Wie ist es möglich, das wir uns immer mehr verhärten, und so tun als ob es das Normalste auf der Welt wäre, drauf los zu lügen?

Ich sage es noch einmal: Wenn die Identität einer Nation bedroht wird, dann geschieht dies vor allem von innen: durch Faulheit und Nachlässigkeit - oft auch in der Wahlzelle. Unser ehrlicher Wille darauf hinzuarbeiten, unsere Identität zu schützen, indem wir an Wahlen teilnehmen und die richtigen Entscheidungen treffen, die internationale Öffentlichkeit respektieren, ebenso wie die Kultur fortgeschrittener Demokratien unserer Nachbarn und Verbündeten, ist das beste Rezept, um unsere Einmaligkeit zu bewahren. Identität kann sich nur entwickeln, wenn sie frei atmet. Und wenn wir uns verantwortungsvoll dem rauen Wind entgegenstellen, der heute allen Ländern dieser Welt entgegen bläst. Vor allem aber, wenn wir den inneren Feind bekämpfen und uns selbst in Frage stellen.

Václav Havel, Präsident der Tschechischen Republik, erhält anlässlich des "Tages der Pressefreiheit" am 3. Mai den Ehrenpreis 2000 des Presseclubs Concordia in Wien; © Project Syndicate, Prag 2001 (DerStandard,Print-Ausgabe,3.5.2001)

Je rascher die Globalisierung voranschreitet, desto lauter wird die Klage über den Verlust nationaler Eigenart. Schuld daran seien alle: die EU, der IWF, die Nato, die Asylanten ... - nur nicht wir selbst. Irrtum, meint Václav Havel
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