Pension: Die Arbeit, eine Polemik - von Samo Kobenter

2. Mai 2001, 19:52
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Helden der Arbeit, wohin man blickt. Da rühmt sich ein Stachanow der Schreibmaschine, bis zum 80. Lebensjahr in die Tasten gehaut zu haben, also weit über das gesetzlich vorgeschriebene Pensionsantrittsalter hinaus. Ein Mann ganz nach dem Geschmack von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der seine Landsleute gerne animieren würde, bis zum 65. Lebensjahr zu arbeiten: Schließlich liege die Lebenserwartung auch schon bei 80 Jahren, und die wollen genützt sein. Die Gewerkschaft reagiert wie erwartet, nämlich mit einem Aufschrei, wirft der Regierung Verunsicherung vor - und im Nu haben wir die Debatte genau dort, wo sie bestimmt nichts erreicht, nämlich im weiten Feld der Polemik.

Dieser Logik folgend, könnten wir zur weiteren Ausblendung grundsätzlich unangenehmer Fakten schreiten und die bekannten Argumente für oder gegen eine Ausweitung der Lebensarbeitszeit abhandeln - etwa den bekannten Einwand, dass die Arbeit am Fließband zumeist schwerere körperliche Folgen nach sich ziehe als die am PC, daher ein 60-jähriger Fabriksarbeiter den Ruhestand doch dringender benötigt als ein - beispielsweise - Journalist.

Das alles eignet sich gut, um demographische Tatsachen zu verdrängen, die sozialen Sprengstoff für die nächste und ideologischen für die jetzige beinhalten. Bereits in vier Jahren werden der Wirtschaft 165.000 Arbeitskräfte fehlen. Bei einer Zuwanderungsquote von derzeit 8518 Personen jährlich dürfte es also kaum 20 Jahre dauern, diesen Bedarf zu decken. Lästig, wenn man einen Regierungspartner hat, für den Zuwanderung stets ein rotes, pardon, blaues Tuch war. Also fügt Schüssel seinem ersten Axiom ("Wovon ich nicht sprechen will, darüber lasst mich schweigen") ein zweites an: "Was besprochen wird, bestimme ich." In diesem Fall eben die Frage, warum wir Inländer nicht alle etwas länger hackeln sollen. Warum eigentlich? (DER STANDARD Print-Ausgabe, 3. 5. 2001)

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