An der Steckdose des Jazz-Zorns

2. Mai 2001, 20:13
posten

David S. Ware im Club Porgy & Bess

Wien - Ja, der alte Free Jazz. Einen langen Bart hat er, aber keine Haare mehr auf dem Kopf. Seine Propheten spielen entweder unter der Erde (Coltrane, Ayler) oder sind auf Erden zu Klassikern des anspruchsvollen Mainstream mutiert (Archie Shepp). Oder: Sie sind gleichsam kleine Klangmuseen auf zwei Beinen, die so tun, als wäre inzwischen seit den 60er-Jahren nichts passiert. Cecil Taylor, Peter Brötzmann und auch David S. Ware.

Man habe nichts zu verlieren als die Ketten der Konvention, trommelte man damals. Alles zertrümmern! Mit ungeschminktem Ausdruck und der Unmittelbarkeit des Zorns. Im Schrei sei die Wahrheit. Harmonie, Groove, Form - alles weg, nur noch Puls und Intensität. Und die Faust ins Gesicht der Klischees gewuchtet. Das klang gut, aber der Anspruch war maßlos und nicht einzulösen.

Die behauptete Freiheit erwies sich als ihr Gegenteil; das Genre produzierte wie der Mainstream Klischees. Wo Vielfalt walten sollte, nistete sich die Verarmung der Mittel ein, eine Reduktion auf die Pose der Wildheit. Übrig geblieben ist immerhin eine neue Facette des Ausdrucks, die man nicht missen will, und Leute wie David S. Ware bewahren sie.

Der Mann an der Steckdose des Zorns, Jahrgang 1949, ist neben Cecil Taylor und Pharoah Sanders ein konsequenter Vertreter des Ekstasestils. Und es geht bei Ware wie bei Taylor um die Legitimierung eines Stils durch die Virtuosität der Intensität. Außerdem ist er doch bereit, Material nicht nur zu zertrümmern. Expressivität ist nicht das Ziel, sie ist bei Ware ein Gestaltungsmittel.

Tellerwaschen

Da hört man doch tatsächlich im Porgy & Bess plötzlich die Ballade Angel Eyes durchschimmern und studiert anhand dieser Miniatur, wie sich radikale Subjektivität sinnvoll in bekannte Themen einnistet, um sie überraschend durchzurütteln. Die Melodie wird fragmentiert, tranchiert und drangsaliert. Und doch auch gebraucht. Alles konsequent, energisch. Substanzvoll.

Konsequent sein, das hieß im Falle von Ware auch, kleine Nebentätigkeiten wie Tellerwaschen, Schuheputzen oder Taxifahren verrichten zu müssen. Er war maximal ein "musician's musician", also eine Insidergröße. Bis ihn Kollege Branford Marsalis zu Sony brachte, wo er plötzlich einer globalen Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es hat ihm und seinem Stil nicht geschadet. Und wenngleich die Liaison mit Sony vorbei ist, so doch auch die Zeit des Schuhputzens. Ein Jazzmärchen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 5. 2001)

Von
Ljubisa Tosic

Share if you care.