Der lang belachte Tod

2. Mai 2001, 20:14
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Justus Neumann und das Bügeleisen: Wirtshaus-Welttheater

Wien - Zuerst nur verunsicherter Applaus: Das furiose Finale steckt noch in den Knochen. Dann ein Anschwellen und Aufbranden. Justus Neumann hat sich mit dem Bügeleisen erschlagen, folgerichtig und unvermeidlich. Fast schon ein natürlicher Tod, aber kein Verscheiden in Frieden: Do it yourself im hausgebrannten Affekt.

Überwältigt von all den Verwirrungen, die sein Herz ausgeschüttet, Magen und Galle unter Hochdruck überschäumend hervorgestoßen haben: Als habe jemand die seelischen Schleusentüren gesprengt, hinter denen sich Unverdautes aufgestaut hat: unausgegorene Bruchstücke aus der Vergangenheit, von keiner höheren Ordnung in Mitleidenschaft gezogene Menschengedanken.

Das entblößte Schicksal eines misstrauischen Außenseiters, der sicherheitshalber seine Finger nachzählt, jedes Mal, wenn er jemandem die Hand gegeben hat. Ein zutiefst wienerischer Narr, der an der Welt zerbricht, statt zu lernen, mit ihr zu leben. Das ganz humane Chaos eines verwundbaren Geistes, gezeichnet vom ständigen Wechselspiel zwischen Menschenhass und Nächstenliebe: "Hinter jedem Orschloch steckt a Schicksal. Net, dass mi jedes interessiert. Na, bei Gott nicht. Mei' eigenes reicht ma."

Mit eindringlicher Physis, aber ohne dass die Kunst der Darstellung jemals zum Selbstzweck würde, erweckt Justus Neumann den "Hanswurst" zum Leben - um ihn sterben zu lassen. Schmerzhafte Erkenntnisse lauern zwischen den Zeilen von Karl-Ferdinand Kratzls großartig kuriosen, kraftvollen, grauslichen, rührenden und zum Teil abgründig komischen Lebensgeschichten. Solche, vor denen uns unser geistiger Schließmuskel zumeist bewahrt, wenn sich uns auf der nächtlichen Heimfahrt in der U-Bahn ein Redseliger berauscht anvertrauen möchte. Die Weisheit der Anarchie: versponnen und verdichtet zu einem Geflecht aus Wahrheit und Betrug. "Die gute Lüge ist eine lustige Behauptung, als Hetz: Österreich ist frei."

Das Textbuch ist im Ibera-Verlag erschienen, das Stück im "Eisernen Mann" zu erleben. Welttheater im Prater-Wirtshaus: "Kurz vor dem Tod sollte man noch amal lachen. Wenn es sich irgendwie ausgeht."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 5. 2001)

Von
Peter Blau

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