Sascha, ein Zirkustiger im Tierpark-Ruhestand

2. Mai 2001, 20:12
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Safaripark Gänserndorf als Auffangstation für "edle Wilde"

Gänserndorf - Hinter Gatter Nummer drei erzählt Safaripark-Geschäftsführer Georg Scheifinger von der Zeit "vor seiner Zeit": Als in Gänserndorf "noch Tarzan- und Daktari-Illusionen bedient wurden", hätten regelmäßig Landrover durchs Tigerrevier patrouillieren müssen. Vier Tiger zusammen in einem einzigen Stück Wald - nur systematische "Repressalien" hätten die Illusion einer Großkatzen-Idylle aufrecht erhalten können.

Erzwungen, weil von den Besuchern erwünscht, sei diese Raubtiergemeinschaft gewesen, sagt Scheifinger und rüttelt prüfend am versperrten Tor. Tiger seien Einzelgänger, je einer allein pro Revier. Ein Revier, das in Gefangenschaft niemals groß genug sein könne, weshalb Schlössern und Zäunen eine gleichermaßen wegschließende wie schützende Funktion zukomme.

Sascha schützt das Gitter vor dem Rest der Welt. Der 20-jährige indische Tiger hat, so Scheifinger, "draußen schon mehr als genug Stress aushalten müssen". Ein Zirkustier, scheinbar dressiert und - nachdem er während eines Auftritts auf einen Menschen losging - elf Jahre lang im Käfig gehalten. Bis ihn ein privater Geschäftsmann vor sechs Wochen um 110.000 Schilling dem deutschen Zirkus Safari abkaufte. Auf Initiative der Tierschutzorganisation "Verein gegen Tierfabriken".

Aug' in Aug'

Der Tiger knurrt leise, als wir das alte, notdürftig adaptierte Raubtiergehege betreten: "Ganz nah ans Gitter sollten wir nicht gehen", flüstert der Geschäftsführer. Er hockt sich nieder, wir tun's ihm gleich: unbequemes Sitzen, Aug' in Aug' mit dem muskulösen Raubtier, das wie eine Hauskatze blinzelt und gähnt. Und das doch - wie alle "edlen Wilden" - in Gefangenschaft nichts zu suchen hat.

Diese Erkenntnis spreche sich mittlerweile auch in immer mehr Zirkussen herum, weiß Tierpfleger Laszlo Török, der in Gänserndorf die "freigekauften" Elefanten Momo, Lagrande und Sita betreut. Der Trend liege im Geist der Zeit - "zwanzig Tierschützer vor dem Zirkuseingang sind keine gute Werbung".

In Auffangstationen wie - seit 1999 - auch dem Gänserndorfer Safaripark stelle sich dann heraus, wie tief die Verhaltensstörungen der Exmanegenstars gingen: "Sita hatte jahrelang keinen anderen Elefanten gesehen." Auffälligkeiten, die nie ganz weg gingen - da müssten sich auch Menschen in Acht nehmen. "Elefanten in Gefangenschaft sind die mit Abstand gefährlichsten Wildtiere". Schon wegen des Körpergewichts von zirka drei Tonnen.

Deshalb gelte es, gleichermaßen sichere und naturnahe Gehege zu errichten. "Ein Tiger braucht einen Badeteich und - in unseren Breitengraden - eine Höhle mit beheizbarem Boden", zählt Scheifinger auf. 2,4 Millionen Schilling etwa, schätzt er, werde die Renovierung von Saschas neuer Residenz kosten - man hofft auf Spenden.

Ein Revier samt Spielzeug: Holzstämme mit Löchern, aus denen sich der Tiger Fleischstücke krallen kann. Andere Befriedigungsarten des Jagdtriebs kommen nicht so gut an. Georg Scheifinger: "Viele Zuschauer reagieren schockiert, wenn eine unserer Raubkatzen eines der im Park frei herumlaufenden Hühner fängt." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 5. 2001)

Von Irene Brickner
LINKS:
www.safaripark.at
www.vgt.at
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