Berlusconi: Bin Opfer einer Verschwörung

2. Mai 2001, 21:24
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Internationale Kritik geht weiter

Rom/Mailand - Die britische Wochenzeitung Economist sieht einer Verleumdungsklage durch Silvio Berlusconi gelassen entgegen. Die Redaktion hat keine Zweifel, dass jeder Vorwurf des Blattes gegen Italiens Oppositionschef vor Gericht beweisbar ist. Das liberale Wirtschaftsmagazin hatte Berlusconi in der Titelgeschichte der vergangenen Woche für "unfähig" erklärt, "Italien zu regieren". Dieser hatte sich geweigert, 58 von der britischen Redaktion vorgelegte Fragen zu beantworten.

Berlusconis Strategie ist einfach. Alle Angriffe ausländischer Medien gegen ihn bezeichnet er als Schmutzkampagne. Was dem Mailänder Großunternehmer sichtlich Probleme bereitet, ist der Umstand, dass die Angriffe nicht aus linken Medien stammen. Das spanische Tagblatt El Mundo, das neue Unterlagen über Berlusconis zwielichtige Finanzoperationen veröffentlichte, steht dem konservativen Premier José María Aznar nahe.

Gespaltene Reaktion auf die Kritik

Die kritischen Artikel und Kommentare wichtiger Zeitungen wie Le Monde und Los Angeles Times spalten die italienische Öffentlichkeit in zwei Lager. Für die einen sind sie eine "Einmischung in inneritalienische Angelegenheiten" und Anzeichen "einer international gesteuerten Kampagne", die anderen sehen darin nur die Bestätigung längst bekannter Tatsachen. "Wir haben nicht den Economist gebraucht, um zu wissen, dass Berlusconi ein Risikofaktor ist", erklärt der Vorsitzende der Democratici, Arturo Parisi. Und Francesco Rutelli unterstreicht, dass die Kritik aus dem konservativen Lager kommt, und fordert Berlusconi erneut vergeblich zum Fernsehduell. Einige Kommentatoren schließen nicht aus, dass die ausländische Presseschelte bei unentschlossenen Wählern zu einem gewissen Solidaritätseffekt führen könnte. Große Tageszeitungen wie La Stampa und Corriere della sera bemängeln Berlusconis Verhalten, sich kritischen Fragen zu entziehen. "Sich als Opfer einer internationalen Verschwörung darzustellen macht die Anschuldigungen noch wirksamer", schreibt der Corriere.

Doch der Medienunternehmer hält an seiner Haltung fest, Kritiker zu ignorieren oder zu klagen. Den Autor des neuen Bestsellers "L'odore dei soldi" ("Der Geruch des Geldes"), den Journalisten Marco Travaglio, klagte Berlusconi auf 150 Millionen Schilling. Das Buch untersucht die Entstehung von Berlusconis Firmenimperium.


Bonino in Spitalsbehandlung

Die ehemalige EU-Kommissarin Emma Bonino ist gestern, Mittwoch, nach einem Schwächeanfall in ein Mailänder Spital eingeliefert worden. Bonino ist seit sechs Tagen in einem Hunger- und Durststreik, um gegen die Diskriminierung ihrer radikalen Bewegung "Liste Pannella" in der Fernsehberichterstattung zu protestieren. (DerStandard,Print-Ausgabe,3.5.2001/mu/red)

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