"Häresieführer" bricht das Tabu

3. Mai 2001, 13:07
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Papst Johannes Paul II. in Athen - Exekutive verstärkt Sicherheitsmaßnahmen

Mehr als tausend Jahre sind vergangen, seit ein Papst griechisches Territorium betreten hat. Nach dem Schisma 1054 - der endgültigen Trennung zwischen der Ost- und Westkirche - bricht nun Papst Johannes Paul II. am Freitag dieses "Tabu". Um 11.30 Uhr wird die Sondermaschine des Pontifex auf dem neuen Athener Flughafen Elefthérios Venizélos erwartet; empfangen wird ihn dort Außenminister Jorgos Papandreou.

Der Erzbischof Athens und ganz Griechenlands aber wird dabei fehlen. Geht es nach den fanatischen Gegnern in orthodoxen Kirchenkreisen gegen die Visite des "Häresieführers" im Vatikan, sollte sich der Himmel bei der Ankunft des Papstes mit schwarzen Ballons dunkel färben und Trauergeläute den Äther erfüllen.

Schon vor mehr als einem Jahr hatte das Oberhaupt der katholischen Kirche den Wunsch geäußert, auf den Spuren des Apostels Paulus auch die griechische Hauptstadt zu besuchen. Der Jesus-Jünger hatte vom Areopag-Felsen unterhalb der Akropolis das Evangelium verkündet. Nach langem Hin und Her erteilte die griechisch-orthodoxe Kirche einem Pilgerbesuch von Johannes Paul II. den Segen.

Der theologische Dialog unter der Führung des Patriarchen von Konstantinopel mit der römisch-katholischen Kirche hat zwar schon 1980 auf der Insel Patmos begonnen. Bei seiner Begegnung mit dem Papst will Erzbischof Christodoulos aber vor allem auf die "theologische und historische Sachlage" aufmerksam machen. Diese rufe noch immer "Trauer und Bitternis sowie ernsthafte Vorbehalte der orthodoxen Welt" gegenüber der katholischen Kirche hervor. Rom wirft man unter anderem die Eroberung und Plünderung Konstantinopels während des IV. Kreuzzuges im Jahre 1204 vor; die Einnahme der Stadt im Jahre 1453 durch die Osmanen sei direkt dem Vatikan zuzuschreiben.

Presseberichten zufolge wird Christodoulos in seinem Toast vom Papst eine "ernst gemeinte Ansprache" verlangen, die das Fundament für eine Entschuldigung gegenüber der Orthodoxie darstellen könnte. Heutige Streitpunkte betreffen die so genannte unierte Kirche, die vor allem in Staaten des ehemaligen Ostblocks beheimatet ist. Sie folgt orthodoxen Riten, untersteht kirchenrechtlich aber der Hoheit des Papstes.


Exekutive verstärkt Sicherheitsmaßnahmen

Einen Tag vor Beginn des Papstbesuches in Griechenland sind am Donnerstag in Athen die Sicherheitsmaßnahmen auf allen Straßen, durch die Johannes Paul II. fahren soll, verschärft worden. Das Parken von Autos entlang dieser Straßen wurde verboten. Alle katholischen Einrichtungen der Hauptstadt werden durch Polizeiposten geschützt. Insgesamt werden während des Papstbesuches 4500 Polizeibeamte im Einsatz sein, berichtete der griechische Rundfunk. ****

In den vergangenen Tagen hatten orthodoxe Mönche, Priester und Mitglieder religiöser Organisationen gegen den Papstbesuch demonstriert. Sie warfen dem römischen Oberhirten vor, er wolle mit seinem Besuch in Griechenland demonstrieren, dass er das Oberhaupt aller Christen sei. Auch die Mönche der Klosterrepublik auf dem Berg Athos haben gegen den Papstbesuch protestiert. Sie appellierten an die Leitung der orthodoxen Kirche von Griechenland, ihre Zustimmung zu der Papstvisite zurückzunehmen. Der 336 Quadratkilometer große Athos-Klosterstaat auf der Halbinsel Chalkidike ist völkerrechtlich ein Kondominium unter der gemeinsamen Herrschaft Griechenlands und des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der türkischer Staatsangehöriger ist.

Die griechischen Behörden befürchten nach einem Brandanschlag auf das Athener Büro des Ökumenischen Patriarchats ein Attentat auf den Papst. In einem Bekennertelefonat der Bombenleger hieß es, nach dem "Großpfaffen" (Patriarch) Bartholomaios solle der Papst "aufs Korn" genommen werden, da er "der Hauptverantwortliche für das Blutvergießen auf dem Balkan von Bosnien bis Kosovo" sei. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hatte an die orthodoxen Gläubigen in Griechenland appelliert, von Protesten gegen den Papst Abstand zu nehmen.

Nach seiner Ankunft trifft der Papst am Freitag mit Staatspräsident Costis Stephanopoulos und dem Athener Erzbischof Christodoulos, Primas der orthodoxen Kirche Griechenlands, zusammen, um anschließend im Gedenken an den Apostel Paulus auf den Areopag zu pilgern. Am Samstag feiert der Papst im Sportpalast der griechischen Hauptstadt eine Messe.

Der Sprecher des Heiligen Synods der orthodoxen Kirche Griechenlands, Bischof Theoklitos, hat betont, dass es wegen der theologischen Differenzen kein gemeinsames Gebet geben könne. Der Papstbesuch sei eine gute Gelegenheit, für das "Unrecht" Roms gegenüber der Ostkirche "um Vergebung zu bitten." Er nannte die Kreuzzüge und die mit Rom "unierten" Ostkirchen, die ein Hindernis für die Annäherung zwischen Orthodoxen und Katholiken darstellten. Nach griechischen Protesten wird Kurienkardinal Ignace Moussa Daoud, Präfekt der vatikanischen Ostkirchen-Kongregation und früherer syrisch-unierter Patriarch von Antiochien, den Papst nicht nach Athen begleiten können. (DerStandard,Print-Ausgabe,3.5.2001/APA)

STANDARD-Korrespondent Robert Stadler aus Athen
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