Die Unermüdliche: Erika Mann als Journalistin

2. Mai 2001, 19:03
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Nicht nur die Tochter eines berühmten Vaters

Marcel Reich-Ranicki nannte sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „Thomas Manns treue Tochter“ (1986), für Hans Mayer war sie „Des Zauberers Tochter und Gehilfin“ (FAZ 1975): Erika Mann wurde über lange Zeit in erster Linie in Verbindung mit ihrem berühmten Vater öffentlich gewürdigt.

In der Nachkriegszeit hatte sie sich tatsächlich viele Jahre darauf konzentriert, Thomas Mann zu unterstützen – sie überarbeitete seine Texte und Reden, begleitete ihn zu öffentlichen Auftritten, beriet ihn bei Vertragsabschlüssen und kümmerte sich um Verfilmungen seiner Werke. Nach seinem Tod gab sie seine Briefe heraus, charakteristisch - und umstritten - war dabei ihre parteiliche Arbeitsweise. Außerdem engagierte sie sich beharrlich für die brisante Veröffentlichung des „Mephisto“-Romans ihres verstorbenen Bruders Klaus.

Darüber waren ihr eigenes politisches Engagement und ihre Veröffentlichungen aus der Zeit des Nationalsozialismus weitgehend in Vergessenheit geraten. Dies lag sicherlich auch an Erika Manns Wesenszug, von der Bedeutung ihrer eigenständigen Arbeiten wenig Aufhebens zu machen.

Sie hatte ursprünglich den Beruf der Schauspielerin gewählt. Geschrieben hatte sie lediglich nebenbei – Glossen und Reiseberichte, die nicht zuletzt dazu dienten, die ausgedehnten Reisen mit ihrem Lieblingsbruder Klaus zu finanzieren.

Die Schauspielerei wurde auch ihr erstes politisches Instrument: Gemeinsam mit Therese Giehse und dem Musiker Magnus Henning gründete sie das Kabarett „Pfeffermühle“, die erste Aufführung fand im Januar 1933 in München statt. Schon nach wenigen Wochen emigrierte die Familie Mann in die Schweiz, von dort setzte die Pfeffermühle ihre Arbeit fort und ging mit wechselnden Mitgliedern auf Tournee durch Europa – mit großem Erfolg, trotz zunehmender Einschränkungen durch Zensurbehörden (aus diplomatischer Rücksicht auf Deutschland) und Beobachtung durch die Gestapo. Erika Mann leitete das Ensemble und schrieb meist die Texte, Therese Giehse war der gefeierte Star. Der Sprung über den Teich gelang der Pfeffermühle nicht: Die AmerikanerInnen konnten mit dieser europäischen Art des Kabaretts kaum etwas anfangen, und viele Szenen waren einfach nicht ins Englische übertragbar.

Nach dieser ersten Bauchlandung begann Erika Manns erfolgreiche Karriere als Vortragsreisende: „ ,Lecturing‘ ist eine rein amerikanische Beschäftigung. (...) Ich kenne kein anderes Land, in dem man sein Leben damit verbringen und seinen Unterhalt dadurch verdienen kann, daß man herumreist und Reden hält.“ Von 1938 bis 1944 reiste sie jeden Winter durch die USA, insgesamt mehr als 140 000 Meilen, und hielt Vorträge vor ganz unterschiedlichem Publikum – StudentInnen, Hilfsorganisationen, politischen Gruppen, Frauenklubs. Sie wollte die AmerikanerInnen wachrütteln, überzeugen, daß auch sie die Entwicklung in Deutschland etwas anging. Ihre Themen waren vielfältig – sie erläuterte die politische Lage, indem sie anschauliche Begebenheiten aus dem Leben in Nazideutschland erzählte, sie schilderte die Situation der Flüchtlinge, später kamen eigene Erfahrungen aus dem Krieg hinzu. Den Luftkrieg erlebte sie in London, wo sie auch selbst ausgebombt wurde: Sie war die einzige aus Deutschland stammende Journalistin, die 1940 und 1941 im deutschsprachigen Radioprogramm von BBC London mitarbeitete. In den Sommermonaten hielt sie sich meist in Europa auf und berichtete für die amerikanische Presse, im Winter gab sie die neu gewonnenen Eindrücke persönlich an die Amerikaner weiter.

Weitere Beiträge zur Information und Motivierung der Amerikaner waren ihre Bücher: „Schools for Barbarians“ über die Erziehung der Kinder im Dritten Reich, „The Lights go down“ über das Alltagsleben, und das gemeinsam mit ihrem Bruder Klaus verfaßte „Escape to Life“, das einen Überblick über die deutsche Kultur im amerikanischen Exil vermittelte.

Sie engagierte sich unermüdlich für die Exilanten und gegen die Politik der Nichteinmischung, damit stand sie der amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson nahe: Erika Mann plädierte schon sehr früh und sehr entschieden für eine Kriegserklärung an Deutschland und rief die AmerikanerInnen zum Boykott deutscher Waren auf. Das war nicht ganz ungefährlich – vor allem deutschstämmige AmerikanerInnen hatten dafür keinerlei Verständnis, etliche sympathisierten mit Hitler.

1943 wurde sie Kriegskorrespondentin der USA und reiste als Armeeangehörige im Offiziersrang durch Europa und Nordafrika. Als britische Staatsbürgerin in amerikanischer Militäruniform kehrte sie schließlich nach Deutschland zurück: Sie berichtete aus dem befreiten Berlin und drückte ganz offen ihre Bestürzung aus, wie allgegenwärtig Verleugnung und Rechtfertigung im Denken der Menschen waren. Sie schrieb über die Nürnberger Prozesse und erhielt als einzige Frau Zutritt zu dem Gefängnis, in dem die Hauptkriegsverbrecher festgehalten wurden. Ihre Eindrücke von der Begegnung mit den ehemaligen Größen des Naziregimes hielt sie in einer Reportage und in einem Brief an ihre Mutter fest: „Ein gespenstischerer Eindruck ist nicht vorstellbar. Göring, Papen, Rosenberg, Streicher, Ley – tout le horreur du monde (...) eingesperrt in einem ehemaligen Hotel, (...) aus dem seine Insassen ein regelrechtes Irrenhaus gemacht haben.“

In den USA ging sie bald nach dem Krieg wieder auf „lecture tour“, konnte dort aber nicht mehr richtig Fuß fassen: Im mißtrauischen Klima der McCarthy-Ära wurde sie als kommunistische Agentin verdächtigt. Eine Rückkehr nach Deutschland kam für sie jedoch nicht in Frage, von 1952 bis zu ihrem Tod 1969 lebte sie im Haus ihrer Eltern in der Schweiz. Zur politischen Entwicklung in der Bundesrepublik äußerte sie sich, gemessen an ihrem Engagement während des zweiten Weltkriegs, nur noch selten. Ein wichtiges Thema war dabei ihre entschiedene Stellungnahme gegen die atomare Aufrüstung. Doch ihre Sicht der Dinge war in der Zeit des Kalten Krieges immer weniger gefragt. Und schließlich war sie von der Arbeit am Werk Thomas Manns voll in Anspruch genommen.

Irene Gronegger

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