Raketenabwehr: Rechnung mit vielen Unbekannten - von Christoph Winder

2. Mai 2001, 20:26
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Der US-Raketenschild wirft technische, finanzielle und politische Probleme auf

Man kann George W. Bush einiges vorwerfen, aber sicherheitspolitische Leisetreterei gehört nicht dazu. Am Dienstagabend hat der US-Präsident unmissverständlich kundgetan, dass unter seiner Regierung die ambitionierte Fantasie, Amerika für Raketenangriffe unangreifbar zu machen, in die Wirklichkeit umgesetzt werden soll.

Mit einer Modifikation der amerikanischen Verteidigungsdoktrin, die zugleich den Abbau ihres Atomwaffenarsenals vorsieht, wollen die USA einem neuen Bedrohungsbild entsprechen, bei dem die Gefahr einer nuklearen Attacke nicht mehr vor allem von Russland ausgeht, sondern von kleineren "Schurkenstaaten" wie Nordkorea, dem Iran oder Irak.

Die im Zusammenhang mit Bushs Ankündigung mehrfach zu vernehmende Metapher vom "Startschuss" für das Raketenabwehrsystem ist dabei eher verunglückt, weil es Versuche, ein solches System aufzubauen, unter unterschiedlichen Bezeichnungen und in unterschiedlicher Intensität schon seit Jahrzehnten gegeben hat. In den ungemütlichen frühen Sechzigerjahren, als die Welt am Rand eines Atomkriegs entlangschrammte, hieß es "Nike-X", zuvor hatte es schon "Nike-Zeus" gegeben, es folgten unter anderem BAMBI, SDI, BMDO und zuletzt NMD.

Mit NMD macht Bush nun allerdings eine neue Rechnung mit mehreren Unbekannten auf. Die erste Unbekannte betrifft die technische Realisierbarkeit des Systems, bei dem es darum gehen soll, ein Geschoß mit einem anderen abzuschießen. Die Erfahrungen, die aus bisherigen Test gezogen wurden, sind nur sehr begrenzt ermutigend. Von drei Versuchen, eine anfliegende Interkontinentalrakete abzuschießen, hat lediglich einer zum Erfolg geführt, und selbst bei diesem verblieb ein erheblicher In- terpretationsspielraum, was denn als Erfolg zu werten sei.

Bush-Vorgänger Bill Clinton legte vergangenes Jahr NMD gänzlich auf Eis, weil er der Ansicht war, dass die technische Realisierbarkeit entweder nicht oder nur um einen unverhältnismäßig hohen Preis gegeben sei. Die größte Tücke besteht darin, dass ein raffinierter Feind mit dem gleichzeitigen Abschuss von Geschoßattrappen eine Konfusion stiften könnte, die das gesamte System unterläuft und sinnlos macht.

Eine zweite Unbekannte von NMD sind die Kosten. Der Vollausbau des aus sechs unterschiedlichen Komponenten bestehenden Schildes könnte nach einer Schätzung des Kongresses bis zum Jahr 2015 etwa 60 Milliarden Dollar kosten, wobei Fachleute selbst diese Schätzung noch für sehr konservativ halten.

Unbekannte Nummer drei: Sind die wahrscheinlichsten Gefahren, denen sich die USA gegenübersehen, nicht gerade solche, gegen die auch der beste Raketenschild nichts ausrichten kann? NMD-Kritiker führen immer wieder an, dass terroristische Regimes die USA mit technisch viel weniger ausgefuchsten Mitteln als Interkontinentalraketen attackieren könnten.

Eine vierte Unbekannte betrifft die militärischen und politischen Reaktionen und Gegenreaktionen, die NMD auslösen könnte. Im schlimmsten Fall könnte der Raketenschild just jene Gefahr provozieren, gegen die er ersonnen wurde: eine massenhafte Aufrüstung, die eine atomare Auseinandersetzung wahrscheinlicher macht. Wenn China seinen bisher eher mageren Bestand von 20 bis 25 Interkontinentalraketen auffettet, könnte dies Indien zu Aufrüstungsschritten motivieren, die wiederum in Pakistan entsprechende Reaktionen auslösen würden usf.

Bush hat sich redlich bemüht, den NMD-Ausbau als eine Sache zu präsentieren, die nicht nur den USA zugute kommen soll, sondern auch ihren Alliierten. Das ist löblich, aber angesichts der vielen Unwägbarkeiten, mit denen NMD behaftet ist, muss man befürchten, dass es, entgegen der Intention seiner Schöpfer, zu einem zusätzlichen Unsicherheitsfaktor geraten könnte. Den Beweis, dass es sich gegenteilig verhält, hat die Regierung Bush noch nicht erbracht. (DerStandard,Print-Ausgabe,3.5.2001)

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