Bröckelnde Pracht und Zuckerguss

1. Juli 2005, 13:21
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Odessa etabliert sich allmählich wieder als das Touristenzentrum der Ukraine - mit Talent zur Improvisation, Mut zum Kitsch und Liebe zu alten Geschichten

Gleich vier oder fünf picksüße Cremetörtchen stapeln sich auf den Tellern der Gäste im "Kartopljanyky". Dazu wird Kaffee, der mit mindestens vier Schwüngen aus der Zuckerdose versetzt wurde, getrunken, Spitzentücher und Plastikrosen zieren die Kaffeehaustische.

Die Besucher der Stadt scheinen den Kitsch zu lieben, ob die zahlreichen Kunden der Konditorei oder die üppig dekorierten Hochzeitspaare, die Odessa zur Hauptstadt des russisch-ukrainischen Hochzeitstourismus erkoren haben. Die Tortenproduzenten können sich in den harten Zeiten des Turbokapitalismus jedenfalls nicht beklagen. Jeden Tag beginnt ein neuer Run auf die fantastischen Schaumkreationen, die ein wenig über das nach der Wende nicht immer einfache Leben hinwegtrösten können.

Das gut besuchte "Kartopljanyky" liegt in der belebten Altstadt Odessas. Die Deribasowskaja, die laute Flaniermeile nur eine Straße weiter, wartet mit Buden und Ringelspielen, teuren Restaurants und Marken-Boutiquen auf. Doch unterhalb des Plateaus, auf dem der Stadtkern mit seinen klassizistischen Bauten errichtet wurde, erstreckt sich ein Wald aus massiven, stählernen Ladekränen. Seit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Zusammenbruch der ukrainischen Schwerindustrie herrscht im riesigen Hafengelände allerdings gähnende Leere. Nur noch selten läuft ein Frachter die Docks an, es mangelt an Exportgütern und Devisen. Am Morski Wokzal, dem Meeresbahnhof, der am Fuß der berühmten potemkinschen Treppe ins Hafenbecken hinausragt, ist dennoch immer Betrieb, auch wenn von hier nur noch die Ausflugsboote zu den Stränden westlich der Stadt und die Fähre nach Istanbul auslaufen.

"Jetzt bitte die Arme in die Höhe und den Blick nach oben in die Ferne", kommandiert der Fotograf das frisch vermählte Paar vor der imposanten Hafenkulisse. Die neue russisch-orthodoxe Kapelle am Kai und das zur Messehalle umfunktionierte Stationsgebäude sind zu beliebten Treffpunkten avanciert. Über knackende Lautsprecher kündigt das Ausflugsschiff nach Arkadjia seine baldige Abfahrt an, untermalt vom Lied von Odessa aus der populären Operette "Weiße Akazie". Jede Strophe wird von der Sängerin mit dem hingebungsvoll gehauchten "Adjeessa" beendet, das der Chor inbrünstig wiederholt.

Feminin und verheißungsvoll sollte sich auf Anweisung Katharinas II. der Name des neuen Handels- und Kriegshafen anhören und die Menschen dazu bewegen, sich in der öden Steppe Neurusslands anzusiedeln. 1794 ließ die Zarin über den Trümmern einer osmanischen Festung von den besten Architekten der Zeit eine klassizistische Musterstadt erbauen. Der wohlklingende Name "Odessa" und steuerliche Begünstigungen haben ihre Wirkung schließlich nicht verfehlt. Franzosen, Juden, Ukrainer, Italiener, Russen, Griechen, Türken, Deutsche und Österreicher - ein kosmopolitisches Völkergemisch machte den aufstrebenden Hafen bald zum wichtigsten Handelsplatz Russlands. Nur das Beste war gut genug für die junge Handelsmetropole: Eine der venezianischen Renaissance nachempfundene Börse und klassizistische Prunkbauten wurden errichtet, Alleen mit aus Italien importierten Bäumen gepflanzt, mit dem Bau der Oper wurden Fellner und Helmer beauftragt. Stalin reagierte mit Misstrauen und Repression auf die Weltoffenheit und den Prunk Odessas. Schwerindustrie wurde angesiedelt, die Plätze und Straßen wurden umbenannt, und das strahlende Odessa wurde zu einer grauen Provinzstadt.

Dem freien Geist der Stadt konnte die Sowjetzeit erstaunlicherweise nicht viel anhaben. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine gibt es umtriebige Pläne für eine Freihandelszone, die Odessa erneut zu einem wichtigen internationalen Handelsplatz machen soll. Dennoch, unaufhaltsam bröckelt heute der üppige Verputz von den Prachtbauten in der Altstadt.

Improvisation und Mut sind angesagt im postkommunistischen Alltag - wenn beispielsweise die Stromabnehmer der Trolleybusse plötzlich mit einem Knall aus den Kabeln springen. Die resolute Buslenkerin weiß sich zu helfen, mit einem Satz ist sie auf dem Dach ihres Fahrzeuges, um den Schaden zu beheben.

Auf den Märkten der Stadt ist das alte Fluidum Odessas schon wieder deutlich zu spüren. Aus der ganzen Ukraine strömen die Menschen hierher, am Priwos, dem wuchernden Markt neben dem Bahnhof, gibt es von Melanzani direkt aus dem Laster, Schweinehälften und selbst gebranntem Wodka in alten Plastikflaschen über Zahnpasta, Unterwäsche, schwarz kopierte Software und Brautkleider bis hin zu Plastiksackerln begehrter Westmarken so ziemlich alles zu erstehen, was je auf dieser Welt produziert wurde.

"Piroggen, gefüllt mit was immer Sie wollen! Kosten Sie, mein Goldstück!" Für viele Einwohner ist der Verkauf von Selbstproduziertem die einzige Möglichkeit, einigermaßen über die Runden zu kommen. Trotz oder vielleicht auch wegen der aufzehrenden Gegenwart sind die vielen Geschichten, die Odessa umranken, immer präsent: Puschkins Eugen Onegin, Isaak Babels genialer Schelm Benja Krik und natürlich Sergej Eisensteins Film Panzerkreuzer Potemkin mit der berühmten Szene mit dem Kinderwagen, der langsam Stufe für Stufe die Treppe hinunterpoltert, mitten in eine panische Menschenmenge, die von den unerbittlich vorwärts marschierenden Soldaten unter Beschuss genommen wird. Diese Bilder, für die sich Eisenstein einer genialen Montagetechnik bediente, haben die Treppe, die den Hafen mit der Stadt verbindet, weltbekannt gemacht.

Der Mythos der blutig unterdrückten Revolution von 1905 ist aufrecht, die Treppe heute Treffpunkt für Romantiker. Denn erst wenn das 192-stufige Wahrzeichen der Stadt am Schwarzen Meer für alle Hochzeitsgesellschaften seinen Part als Kulisse gegeben hat, fährt der letzte Konvoi nach Cherson oder Nikolajew zurück. Vorneweg das Brautpaar im gemieteten Mercedes, der Rest der Gesellschaft in klapprigen Wolgas hinterher.

Infos: Die Ukraine International Airlines,
Tel. 01/585 15 700 bzw. die AUA, Tel. 01/05 17 89 fliegen täglich von Wien nach Odessa.
Für die Ukraine besteht noch immer Visumpflicht. Ukrainische Botschaft in Wien, Naafgasse 23, 1180 Wien, Tel.: 01/479 71 72/21

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