Goethes Welt ohne Bildungshuberei

2. Mai 2001, 20:05
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Erich Trunz (1905-2001)

Kiel - Nicht erst mit Peter Steins ehrfurchtsvoll verkrampfter Faust-Nachbuchstabier-Übung ist das Verschwinden des Goethe-Kanons aus dem Bewusstsein heutiger Bildungseliten spürbar geworden. Ein angemessener Umgang mit dem Olympier setzt hunderterlei Detailkenntnisse voraus; erst dieser Kenntnisreichtum eröffnet aber auch den unbefangenen Blick auf ein vielfach umgewälztes Feld.

Der aus Königsberg gebürtige Germanist Erich Trunz verfügte als Herausgeber und Kommentator der berühmten Hamburger Goethe-Ausgabe, von 1948 bis 1960 in 14 gewichtigen Bänden erschienen, über die leichthändigste und verblüffendste Art, die Welthaltigkeit von Goethes Dichtungen überzeugend zu belegen. Bildungshuberei wich in Trunz' Anmerkungen einer heiter-selbstverständlichen Wissensvermittlung. Trunz ist jetzt an den Folgen eines Sturzes 96-jährig gestorben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 5. 2001)

Von
Ronald Pohl

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