Hollywood: Deadline abgelaufen, verhandelt wird weiter

3. Mai 2001, 13:04
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Aufstand in der Traumfabrik: Der große Stress

Letzter Stand: Mittwoch null Uhr Ortszeit ist in Hollywood der Vertrag zwischen den Drehbuchautoren und Produzenten ausgelaufen, ohne dass sich die beiden Seiten auf einen Kompromiss einigen konnten.

Die gewerkschaftlich organisierten Autoren und der Verband der Film- und Fernsehproduzenten wollen aber weiter verhandeln und damit einen Streik Hollywood verhindern, teilten Vertreter beider Organisationen der Presse gegenüber mit. (APA/dpa)


Streikdrohungen der Drehbuchautoren und Schauspieler haben wieder verdeutlicht, wie fragil das Erfolgssystem der US-Filmindustrie letztlich ist, berichtet Claus Philipp.


Man stelle sich folgendes Szenario vor: Den TV- und Film-Produzenten sind die Drehbücher für neue Folgen ihrer Serien und Movies ausgegangen. Also besteht das Fernsehprogramm hauptsächlich aus Realityshows, improvisierten Talkshows und Wiederholungen. Im Kino laufen unzählige "kleine", hastig fertig gestellte Filme, deren Scripts nur notdürftig überarbeitet wurden, weil: The Show must go on! Aber irgendwann gibt es keine Stars mehr, die für diese Filme PR-Interviews geben, und erst recht keine Schauspieler, die vor irgendwelche Kameras treten. Hollywoods schlimmster Albtraum in den letzten Wochen und Monaten: Was geschieht, wenn die Drehbuchautoren und Akteure streiken?

Mittwoch, der 2. Mai, ist diesbezüglich ein Stichtag: Ihm gingen nervöse Vorerwartungen und Spekulationen der US-Filmindustrie voraus, wie sie zuletzt nur den Start von James Camerons Titanic begleiteten. Seit Monaten droht die Gewerkschaft der amerikanischen Drehbuchautoren, kurz: WGA, an eben diesem Tag die Arbeit an Film-und TV-Vorlagen einzustellen. Die Schauspieler wiederum, organisiert in der Screen Actors Guild (SGA), kündigen an, ab 30. Juni streiken zu wollen. Beide Berufsgruppen klagen Verdienstentgänge in einer Unterhaltungsbranche an, die sich in den letzten Jahren - nicht zuletzt aufgrund der digitalen Medien - radikal wandelt.

In den Produktions- und PR-Departments war man jedenfalls zuletzt besonders hektisch: Man setzte alles daran, die Entwicklung wichtiger Drehbücher bis 1. Mai und die Fertigstellung erfolgsträchtiger Produktionen bis Ende Juni abzuschließen.

Der proklamierte Superhit des heurigen Kinowinters etwa, Harry Potter und der Stein der Weisen, stand wochenlang auf des Messers Schneide, weil unklar war, ob der Film im genannten Zeitraum abgedreht werden kann. Andere Produktionen beginnen schon jetzt mit massivem Werbeeinsatz zu protzen, weil später vielleicht niemand mehr für die notwendigen PR-Maßnahmen zur Verfügung steht. Filmkritiker in aller Welt dürfen sich schon auf eine geballte Ladung von Vorab-Screenings und -Interviews "freuen" - auch wenn, wie Insider meinen, es weder den Filmen noch den Rezensenten gut tut, bei PR-Terminen zu viel Hektik zu verbreiten. Jedenfalls: Ausschnitte aus Der Herr der Ringe (Start: ebenfalls im Winter) werden schon jetzt im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes präsentiert und mit Starauftritten flankiert werden.

Ähnlich stark ist der Druck rund um die Zeitpläne jener Superstars, die mehrere der mit erhöhter Geschwindigkeit produzierten Filme zum Erfolg hieven sollen. Tom Cruise etwa wechselte nach Abschluss des Drehs zu Cameron Crowes Romanze Vanilla Ice blitzschnell aufs Set von Steven Spielbergs Sci-Fi-Thriller Minority Report. Der Starregisseur seinerseits stellt währenddessen gleichzeitig die aufwendige Adaption des Stanley-Kubrick-Drehbuchs Artificial Intelligence fertig. Und von der Oscar-Preisträgerin Gwyneth Paltrow heißt es, sie sei nach vier mehr oder weniger gleichzeitig gedrehten Filmen fix und fertig.

Strittige Verdienste ...

Egal ob sich die Fronten zwischen Kreativen und Produzenten in den nächsten Stunden verhärten oder ob es in letzter Sekunde zu einer Einigung kommt: Unübersehbar sind als Auslöser des Konflikts Veränderungen in der Infrastruktur des Film-Business und seiner Vertriebsstrategien: Schon seit längerer Zeit klagen die Drehbuchautoren darüber, dass sie für Zweitverwertungen ihrer Scripts auf Video, im Fernsehen und im Internet nicht oder nur unzureichend honoriert werden.

Weiters fordern die Schreiber, dass in den Vorspännen von Produktionen die auf Regisseure bezogene Zeile "A Film by" zugunsten von "A Film directed by" eliminiert werden soll. Urheberschaft liege in Zeiten wie diesen, in denen auf der Basis von Kino- und TV-Hits Computerspiele, Spielzeug etc. vermarktbar werden, bei den geistigen, also schreiberischen Erfindern.

Die Schauspieler ihrerseits, von denen das Gros der Gewerkschaftsmitglieder im teuren Kalifornien am Existenzminimum lebt, verlangen höhere Minimallöhne und Tantiemen im Fall von Ausstrahlungen im internationalen Kabelfernsehen und Verwertung ihrer Arbeit auf Video. Superstars wie der Komiker Jim Carrey, der meinte, ab Juli gerne "ein Jahr Urlaub" im Dienste der finanziellen Gerechtigkeit nehmen zu wollen, sind in dieser Interessengruppe natürlich die Minderheit. Ganzen Legionen von Neben- und Kleindarstellern würde mit einschlägigen Regelungen der Kampf ums Überleben erleichtert.

Dem steht nun mit aller Schärfe die Position der Produzenten gegenüber: Sie behaupten, in Zeiten steigender Herstellungskosten auf Mehrfachverwertungen angewiesen zu sein. Weiters verweisen sie durchaus hämisch auf überhöhte Superstargehälter, die mittlerweile zwischen 25 und 30 Millionen Dollar pro Film ausmachen. Ebenso führen sie das Durchschnittsgehalt eines Drehbuchautors ins Gefecht: 84.000 Dollar pro Jahr sollten, so die Studiobosse, wohl genug sein.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 5. 2001)

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