Die Geschichte von Mensch und Tier

1. Mai 2001, 20:50
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Eine Beziehung wird unter die kulturwissenschaftliche Lupe genommen

Vielleicht ist uns ja das Schnitzel gar nicht näher als das Schwein, aber Schnitzelessen und Schnitzelverkaufen ist auf jeden Fall zweierlei. Es gibt nicht ein Verhältnis zum Tier "als solchem". Und um noch einmal auf das Schwein zurückzukommen: Selbst ein Schweinezüchter kann Tierschützer sein und womöglich Vegetarier.

Schon auf der Ebene der Gleichzeitigkeit ist, wie das Beispiel zeigt, unser Verhältnis zum Tier sehr unterschiedlich. Und unter den Gegebenheiten unserer (post)industriellen Gegenwart verschärfen sich noch die Positionen: zum Beispiel Robbenjäger der Inuit oder norwegische Walfänger gegen den Rest der "zivilisierten" Welt.

Im Grunde könnte man anhand der Mensch-Tier-Beziehung die gesamte Geschichte neu erzählen (in der Frühgeschichte ist das längst essenzieller Bestandteil): vom Paradigmenwechsel angefangen, den die monotheistischen Religionen verursachten; von der Ablöse der Vorstellung einer schaffenden Natur durch den Glauben an eine geschaffene Natur bis hin zu den fürstlichen oder klösterlichen Wunderkammern (im Stift Kremsmünster kann man nicht nur alte astrophysikalische Instrumente bewundern, sondern auch ein doppelköpfiges Schaf oder einige Zähne des Narwals, die den Glauben an das mythologische Einhorn beflügelten). Vor rund 250 Jahren folgte der Eintritt ins entmythologisierende, empirisch-naturwissenschaftliche Zeitalter. Der älteste Zoo der Welt stammt aus dieser Zeit: der Tiergarten Schönbrunn.

"Mensch, Tier, Zoo", so heißt ein als "Cultural Studies"-Projekt definiertes Forschungsvorhaben des an der Universität Wien lehrenden Professors für Geschichte, Mitchell Graham Ash. Er betont den Unterschied zu dem deutschen Begriff "Kulturwissenschaften", der sich methodisch mehr der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik verpflichtet sehe als den aktuellen empirisch-soziologischen Ansätzen der Cultural Studies mit ihrem wesentlich breiteren Kulturverständnis. Das vom bm:bwk geförderte Projekt ist eines aus einem halben Dutzend, die sich - aus verschiedenen Perspektiven, aber immer am Beispiel der ehemals kaiserlichen Menagerie - mit der Mensch-Tier-Beziehung auseinander setzen. Insgesamt sind 14 WissenschafterInnen am Werk (darunter auch von der Veterinärmedizin). Die meisten von ihnen sind nicht universitär bestallt - weshalb es auch nötig war, um Forschungsgelder anzusuchen.

Ein riesiges Unternehmen, wenn man bedenkt, was allein "Mensch, Tier, Zoo" alles umfasst. Der Tiergarten als Brennglas der umwälzenden Veränderungen in dieser immer schon einseitigen Beziehungskiste: als Spiegel kultur-und naturwissenschaftlicher Interessen, Geschmäcker und Sehnsüchte; als multifunktionaler Ort (der "Volksbildung", des "wissenschaftlichen Fortschritts", des "puren Vergnügens" und als "Abbild der Naturbeherrschung"), an dem Hochkultur und Massenkultur einander begegnen; nicht zuletzt auch architektonisch.

Nutztiere sind out

Der Mensch ist dem Menschen ein Tier, ein Wolf, heißt es seit Hobbes. Noch ist es bloß eine Metapher. Aus vulgärdarwinistischer Sicht, rund 200 Jahre später, ist der Mensch tatsächlich ein Tier. Vor diesem Hintergrund erst wird jene Entlastungsstrategie entwickelt, die über Kolonialismus und Rassismus bis zur Massenvernichtung von Menschen führt und in beispiellosem Zynismus eine ethnisch "soziale" Gruppe zur Krönung aller Species stilisiert. (Eines der Hauptprojekte untersucht den Schönbrunner Tiergarten unter der Leitung von Otto Antonius von 1924 bis 1945.)

Das Forschungsprojekt mit dem Untertitel "Naturbeherrschung und Repräsentation, Wissenschaftlichkeit und Volksbelustigung am Beispiel des Tiergartens Schönbrunn" hat somit auch zum Ziel, exemplarisch die Verflechtungen von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit zu untersuchen. Und das Projektteam (Paul Ebner, Markus Feigl und Christina Wessely unter der Leitung von Mitchell Ash) hat die nicht nur dankbare Aufgabe, auch die "Ablehnung der Lebensumstände der Tiere bis zur grundsätzlichen Ablehnung von Tiergärten in Wort und Tat" unter die Lupe zu nehmen. Mehr denn je sind die "Nutztiere" out, und die Massen stürmen die Zoos, um wilde Tiere zu sehen - hinter Gittern. Andererseits: In den ehemaligen Repräsentations-Menagerien werden auch Tiere gehalten, deren Art anders vielleicht schon verschwunden wäre.

Unter den Bedingungen der Globalisierung ist die Mensch-Tier-Beziehung nicht einfacher geworden: Kinder erwählen Pfeilgiftfrösche oder Stabheuschrecken zu Lieblingstieren; Männer geben ein Vermögen aus für zerstoßene Rhinozeroshörner; Millionen von Rindern und Schafen werden "notgeschlachtet", andere Tiere werden geklont; Tierliebe ist "in", weshalb man auch Genbanken für bedrohte Arten aufbaut. Das Feld der Paradoxien ist weit und das Forschungsprojekt spannend. Nächstes Jahr soll das Endergebnis vorliegen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 2. 5. 2001)

Von Martin Adel
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