1. Mai 2001 - Tag der Börse? - Von Christian Felber

1. Mai 2001, 20:50
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Zum Beispiel Danone: Der Lebensmittelkonzern erzielte im vergangenen Jahr den ansehnlichen Gewinn von 4,7 Milliarden Francs. Das Problem: Die Keksabteilung brachte nur 7,9 Prozent Rendite. Zu wenig für die Aktionäre: 1800 Beschäftigte müssen gehen . . .

Die Shareholder-Kultur treibt bizarre Blüten. Die Kurspflege wird zum obersten Firmenziel. Die Aktionäre (= Eigentümer) wünschen eine zweistellige Rendite. Das geht aber langfristig nur schwer bei einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von zwei bis drei Prozent. Also müssen Kosten gesenkt werden, zum Beispiel Löhne. Oder aber Mitarbeiter werden gänzlich "rekonfiguriert" - wie das im neuen Börsenjargon der Telekom heißt.

Die ausschließliche Berücksichtigung der Aktionärsinteressen und die damit verbundene zunehmende Kurzfristorientierung von Unternehmen kann der langfristigen Ertragskraft schaden: Mit der Zahl der Mitarbeiter sinkt oft die Motivation, Stress nimmt zu, Produktivität ab.

Interessantes Timing

So eine Unternehmenspolitik kann nicht "populär" werden, die große Mehrheit der im Erwerbsprozess Stehenden ist potenziell Opfer in diesem Spiel. Deshalb suchen die Nutznießer Verbündete. Die "Kernbelegschaft" oder zumindest Führungskräfte sollen ein Interesse an steigenden Aktienkursen bekommen, indem ihnen Gehaltsbestandteile in Aktienoptionen (Stock-Options) umgewandelt werden. Je höher die Kurse klettern, desto mehr kriegen sie - und desto verlockender wird es, in der Kündigung von Kollegen auch etwas Positives zu entdecken.

Dass das von der Regierung beschlossene Gesetz zur Förderung von Stock-Options nun ausgerechnet am 1. Mai in Kraft trat, ist insofern nicht ohne Pikanterie.

Die steuerlichen Vorteile für Arbeitnehmer-Aktionäre können sich durchaus sehen lassen: Bis zur Hälfte der aus Stock-Options erzielten Gewinne sind steuerfrei - obwohl es sich um ganz normale Einkommensbestandteile handelt.

Das aber stellt nicht nur einen glatten Bruch mit jeder Form der Steuergerechtigkeit dar - wieso werden ausgerechnet die höchsten Einkommensbestandteile von der Steuer befreit? Es passiert auch zeitgleich mit der Besteuerung von Unfallrenten und der Halbierung des Arbeitnehmerabsetzbetrags und fügt sich somit nahtlos in das Umverteilungsprogramm vom kleinen zum großen Mann.

Das nächste Ziel des Shareholder-Kapitalismus besteht darin, die Arbeitnehmer geschlossen zu Aktionären zu machen - über Pensions- und Investmentfonds. Dann besteht endlich Interessengleichheit zwischen Kapital und Arbeitnehmer. Und es wird immer öfter passieren, dass Arbeitnehmer in ihrem "eigenen" Interesse gekündigt werden oder zumindest Lohneinbußen hinnehmen müssen. In den Werbebroschüren der Pensionsfonds steht das nicht.

Optische Täuschung

Ein zentrales Charakteristikum fortgeschrittener Börsenkultur ist, dass Aktionäre ihre Einkommen nicht mehr primär als Anteil am Firmengewinn (Dividende) erzielen, sondern durch das immer raschere Kaufen und Verkaufen von Unternehmensanteilen.

US-amerikanische Pensionsfonds "investieren" längst nicht mehr in Unternehmen, sondern handeln diese wie Teppiche. Die durchschnittliche Haltedauer von Aktien hat sich seit 1980 von zehn Jahren auf zehn Monate verkürzt. Der europäische Wert einer "stabilen Eigentümerschaft" wird sich im neuen Börsenklima nicht halten können.

Auch das rasche Abstoßen von Aktien wird politisch belohnt. Die Börsenumsatzsteuer wurde - ebenfalls im Zuge der schwarz-blauen "Kapitalmarktoffensive" - bereits im Oktober 2000 abgeschafft. Sinn und Zweck dieser Regierungsoffensive ist also nichts anderes als eine getarnte Börsenförderung.

Der volkswirtschaftliche Nutzen der Börse steht allerdings in keiner Relation zu ihrer medialen "Performance". Sowohl in Kontinentaleuropa als auch in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten werden zwei Drittel aller Investitionen aus Unternehmensgewinnen finanziert. An zweiter Stelle rangieren Kredite. Aktien tragen fast nichts zur Investitionsfinanzierung bei, in den USA exakt ein Prozent (1991-1995).

Politische Alternative

Der Eindruck, dass die Börse eine zentrale Quelle von Kapital sei, ist gut inszeniert. Diejenigen, die günstigeres Kapital benötigen würden, nämlich Klein- und mittelständische Unternehmen profitieren überhaupt nicht von der "Kapitalmarktoffensive" - weil sie in der Regel keine Aktiengesellschaften sind.

Dabei sind es eben diese diese Klein- und Mittelbetriebe, die seit 15 Jahren den Anstieg der Arbeitslosigkeit in Grenzen halten, indem sie ebenso viele Jobs schaffen, wie die (börsennotierten) Konzerne zerstören.

Kapitalmarktoffensive "anders" könnte heißen, dass die Funktion der Investitionsfinanzierung gestärkt und die des Handels mit Wertpapieren (Spekulation) geschwächt wird, zum Beispiel durch Börsenumsatz- und Veräußerungsgewinnsteuern. Oder dass politisch bestimmt wird, wer Kapital günstig bekommen soll: Projekte für nachhaltige Entwicklung, Erneuerbare Energieträger, Klein- und Mittelbetriebe, Biobauern.

Ob Aktionärsinteressen Vorrang bekommen oder andere Interessen, ist eine Frage der politischen Gestaltung der Finanzmärkte.

Christian Felber ist freier Wirtschaftspublizist und Proponent von ATTAC Österreich - Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte:

Stock-Options heißt das neue Zauberwort aus den Think-Tanks des Neoliberalismus. Christian Felber fragt nach Sinn und Zweck dieses Gehaltsmodells, das die Regierung just ab 1. Mai fördert.

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