Glatt gebügelt, eingefärbt

2. Mai 2001, 10:20
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"Der Kaufmann von Venedig" in Linz - Turrinis "Wirtin" in Wien

Die jungen Börsenfischchen aus der zweiten Reihe haben helle Anzüge an und studieren die letzten Aktienkurse auf weißem Zeitungspapier. Der alte Unternehmerfuchs mit Pferdeschwanz hingegen zelebriert seinen ersten Auftritt im dunklen Anzug mit der Financial Times vor Augen: Antonios Venedig von heute entblößt sich als reichlich abgesandelte Reklamefolie für ein kannibalisches Spiel von Geld, Macht und wandelbarem Recht, das durchaus an Silvio Berlusconi denken lassen könnte. Aus österreichischer Sicht aber auch an die einschlägig bekannte "Ostküste" der USA. Denn die einzige wirklich stringente Achse durch Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" ist bekanntlich der Antisemitismus.

Der Schweizer Regisseur Dominik von Gunten ließ sich auf derartige Interpretationen nicht ein. Zwar äußert sich der alte Antisemitismus in den heute noch üblichen Formen: grölend und dumpf in Gestalt des Dieners Lanzelot, glatter durch die jungen Börsianer. Er bleibt aber, nach immerhin 400 Jahren, gleichsam unkommentiert in der Luft hängen. Von Gunten nimmt sich auf der ansprechenden Bühne von Carolin Mittler die globalisierte Finanzwelt vor und fügt den Rest der Handlung als angepasstes Beiwerk hinzu.

Das geht zwangsläufig auf Kosten der Komplexität der Figuren und ihrer Beziehungen, insbesondere von Shylock (Vasilij Sotke) und Antonio (Günter Rainer). Am deutlichsten zu sehen als Folge des Versuchs, die beiden von Shakespeare willkürlich zusammengeführten Geschichten - die Pfandleihe und das Ratespiel um die Prinzessin - durch grelle Einschübe halbwegs zu löten: Die Kästchen-Raterei der Prinzen (Joachim Rathke, Martin Müller-Reisinger) und Bassanios (Christian Higer) um die schöne reiche Portia (Saskia Petzold) birgt zunächst noch unterhaltsame Überraschungen, zu denen auch die Dienerin einiges beiträgt, dann aber nur mehr Klamauk. Sogar die langgezogene, nur in Augenblicken intensive Gerichtsszene verkommt gegen Ende wieder zu krampfhaften Späßen. Das mag ein Sittenbild der New Economy sein, wirkt aber auf die Dauer redundant.
(Reinhard Kannonier)
Landestheater, 4020 Linz, Promenade 39, (0732)
76 11-100, morgen
19.30

Was kann der Peter Turrini dafür, dass man ihn gern hat, dass man ihm deshalb die Texte wie Kalenderblätter vom Tisch reißt? Selbst gegen die Ausspannung der "Wirtin" - ein Stück, für welches er von Beginn an (1973) gescholten wurde - konnte der Kärntner Erfolgsautor rein gar nichts ausrichten. Er verlor sie im Wiener Ensembletheater an Michaela Scheday. Unerklärlich, denn die Notwendigkeit dieser nach Goldonis "Mirandolina" gearbeiteten Komödie um eine begehrte, aber letztlich nur benützte Wirtin (hier: Erika Deutinger) hat Turrini mittlerweile selbst relativiert. Aber: Ohne Notwendigkeit gibt es keine Kunst!

Schedays Berechtigungsattacke macht den angesetzten Staub zudem auch bloß bunt: In die eine der einander gegenüberliegenden Sitzterrassen hat sie knallfarbige Hollywoodschaukeln hingepflanzt, die das von den müden Freiern (Jörg Stelling, Gunther W. Lämmert) belagerte Gasthaus unterhaltsam substituieren sollen. Leider bringt auch die treppabwärts führende Rutsche die Schauspieler nicht in Fahrt.
(Margarethe Affenzeller)
Ensembletheater, 1., Petersplatz 1, (01) 535 32 00. Mo-Sa
20.30
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 5. 2001)

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