Radikaldemokratie beim "Ulrichsberger Kaleidophon"

1. Mai 2001, 22:30
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Nur die Neue Musik blieb heuer unberücksichtigt

Ulrichsberg - Jazzatelier-Teamchef Alois Fischer kann zufrieden sein. Guter Besuch, die künstlerische Qualität ließ wenig zu wünschen übrig. Nur die Neue Musik blieb heuer unberücksichtigt. Aus Familiengründungsgründen, so Fischer, habe es ihm an der nötigen Energie gemangelt, für Adäquates zu sorgen. Soll vorkommen. Bleiben immer noch drei wesentliche Strömungen unter Beobachtung:

Experimentelles im akustischen Bereich, avancierte Elektronik, zeitgenössischer Jazz und Improvisation als Querverstrebung. Musik mit Charakter also als Kennzeichen einer Radikaldemokratie, etwa in den Gruppen Momentum und ADN: Lang- gedehnte Zyklen behutsamer Klangentwicklung, ermöglicht durch großzügig bemessene Zeiten und Räume für konzentriertes Aufspüren.

Beispielhaft für einen seriösen Umgang mit Elektronik Trapist: von Beginn an extrem reduziert, intensiviert das Trio später die Suche nach dem versteckten Klang, den es wie in Zeitlupe ausfindig macht. Slow Sounds in Slow Motion, als wär's ein Stück von Ry Cooder. Emotional aufgewühlter macht sich der improvisierte Jazz vorstellig. Etwa jener der Saxophonistin Tanja Feichtmair und ihrer Combo Lull, bei der Elektroniker Josef Novotny eine abstrakte Ebene in Feichtmairs konkrete Poesie einzieht.

Oder Mats Gustafssons Aaly Trio samt Gaststar Ken Vandermark: Amerikanisches und Europäisches in perfekter Balance, es trotzt die Viererbande dem institutionalisierten Free Jazz eine Menge Fein-und Grobheiten ab. Aber welchen Raddampfer haben denn die Eidgenossen da geschickt? Es ist die Steamboat Switzerland, an Bord drei Steuermänner (Lucas Niggli, Dominik Blum, Marino Pliakas).

Alles entschlackt

Mit Sendungsbewusstsein unterwegs, im Bewusstsein die Sendung für den fröhlichen Zombie. Was da an Untoten aus der Schatulle lugt! Deep Purple!, Emerson, Lake & Palmer! und Uriah Heep! Allerdings alle entschlackt und in Blums Hammondorgel ultrahoch erhitzt. Dazwischen sorgt Improvisation, Komposition und verzwickter Rhythmus für Abkühlung. Das beste Zuckerl zum Schluss: eine Stunde Jazz-Geschichtsunterricht mit dem Tobias Delius Quartett, das nicht hinter die Moderne zurückfällt. p>

Ein wilder Ritt zirkusreifer Artisten (Delius, Bennink, Honsinger, Williamson), die alles kennen - Swing, Bebop und Free Jazz. Delius beherrscht alle Sprachen. Den Webster, den Young, den Ayler; das Flüstern, das Pathos, das Brüllen. Zeit für ein kleines Witzchen findet Tristan Honsinger, Zeit zu fliegen, findet Han Bennink und macht den Flügelschlag dazu, den Swing. Keine Zeit für Mätzchen findet allein Joe Williamson. Diese Typen haben einen "Schuss", und sie bringen deshalb zuwege, was selten ist: beste Unterhaltung bei bester Musik.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 5. 2001)

Von
A. Fellinger

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