Ein Stadtfluss wird wieder Natur

2. Mai 2001, 10:49
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Sechs Milliarden für Umbau und Renaturierung der Wien bis 2015

Wien - Die Kloake einer Großstadt bringt neue Natur. Zwar nur indirekt, aber doch. Bisher war "der Wienfluss so gut wie tot", weiß Ulrike Goldschmid von der MA 45 (Wasserbau) nur zu genau. "Denn die Gestaltung widerspricht allen ökologischen, städte-und wasserbaulichen Parametern." Wo jetzt noch das Wienfluss-Rinnsal durch das steinerne Becken plätschert, grundeln nur an einzelnen schadhaften Stellen vereinsamte Fische.

Und daran hätte sich so rasch auch nichts geändert, hätte die MA 45 nicht eine Riesenchance erkannt und genutzt: Der Hauptsammelkanal im Wientalbecken muss erneuert und ausgebaut werden. Nicht nur wegen neuer Richtlinien - auch weil die Fäkalien der Wiener bei Hochwasser regelmäßig in den Fluss überschwappen.

Maximales Potenzial

Also initiierte Goldschmid in Kooperation mit dem Institut für Ökologie und Naturschutz der Universität Wien ein interdisziplinäres Projektteam mit dem Ziel: Das Gewässer soll nach dem Umbau "wieder sein maximales ökologisches Potenzial entwickeln können". Und zwar auf seiner gesamten Strecke von der Stadtgrenze bis zum Donaukanal.

Heuer haben im innerstädtischen Abschnitt die Arbeiten bei der Urania begonnen - und sollen 2015 am westlichen Stadtrand fertig gestellt werden. Erst baut die MA 30 (Wien Kanal) ihren neuen Hauptsammler im Becken, dann wird darüber eine neue natürliche Flusssohle geschaffen und naturnah gestaltet, daneben ein Fuß- und Radweg errichtet. In Summe werden dafür rund sechs Milliarden Schilling (436 Mio. ) veranschlagt.

Damit im und am Gewässer ein optimaler Lebensraum für Fauna und Flora entstehen kann, wurde vorab ein Pilotprojekt durchgeführt: Der ökologische Umbau der Rückhaltebecken im Westen. Das begleitende Monitoring durch das Institut liefert wissenschaftliche Daten und Erkenntnisse darüber, was noch alles verbessert werden könnte. Dabei werden in der Flusslandschaft die Chemie, Libellen, Amphibien, Makrozoobenthos (wie Würmer, Insekten, Schnecken oder Larven), Vögel, Fische und Säugetiere erforscht.

"Bei unseren Untersuchungen haben wir beispielsweise erkannt, dass wir bisher zu wenig tiefe Kolke eingeplant hatten", erläutert Hubert Keckeis von der Uni Wien. "Denn diese tieferen Stellen sind als Refugium für wasserarme Zeiten wichtig."

Ist das Projekt schließlich fertig gestellt, sind auch weitreichendere Folgen zu erwarten: "In der Donau wird es schon jetzt verdammt eng für die Fische", weiß Keckeis. "Dem kann ein ökologisch funktionierender Wienfluss als Rückzugsgebiet zumindest entgegenwirken." (frei, DER STANDARD, Print-Ausgabe 2. 5. 2001)

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