Helfen in Zeiten der "molekularen Barbarei"

1. Mai 2001, 20:49
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Jakob Kellenberger, Chef des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz im Gespräch mit dem Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger

Der Schock über die Ermordung von sechs seiner Mitarbeiter im Kongo-Konflikt war noch sichtbar, als Jakob Kellenberger, der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) am Wochenende in Genf mit Journalisten sprach. "Der Bürgerkrieg ist heute der Normalfall der bewaffneten Auseinandersetzung. Er findet in einem Umfeld statt, wo es keine funktionierenden staatlichen Strukturen, aber auch keine klaren Kommandostrukturen bei den Konfliktparteien mehr gibt", sagte Kellenberger, 57 und zuvor Schweizer Chefverhandler für das bilaterale EU-Abkommen. Das zum Schutz von Opfern bewaffneter Konflikte geschaffene IKRK, das Kellenberger seit einem Jahr leitet, sei als einzige Organisation dennoch - mit insgesamt 12.000 Mitarbeitern - in allen Konfliktzonen präsent.

Anlass für das Gespräch war das Erscheinen des IKRK-Buches "Krieger ohne Waffen", das der deutsche Schriftsteller und streitbare Essayist Hans Magnus Enzensberger (71) herausgegeben hat, weil "der Bekanntheitsgrad des Komitees gering" sei und es noch oft "mit dem Roten Kreuz an der Ecke", also den nationalen Rotkreuzgesellschaften, verwechselt werde.

Vom STANDARD auf seinen Essay "Aussichten auf den Bürgerkrieg" angesprochen, in dem er sich sehr skeptisch mit der oft wirkungslosen Hilfswilligkeit mancher Europäer auseinander gesetzt hatte, sagte Enzensberger: "Es gibt eine gut gemeinte Allmachtsfantasie, die mit der Überschätzung der eigenen Möglichkeiten zu tun hat. Man muss seine Reichweite bestimmen können. Wenn sich jemand für alles verantwortlich fühlt, ist das nur ein kleiner Schritt dazu, dass er sich für gar nichts verantwortlich fühlt." Hilfsbereitschaft werde so zum leeren Gerede.

Kellenberger geht es, wie er sagt, bei der pragmatischen Aufgabenstellung des Internationalen Roten Kreuzes (Schutz und Hilfe für die Zivilbevölkerung, Gefangenenlokalisierung und -austausch) genau um die von Enzensberger angesprochene "Verteidigung der zivilisatorischen Minima - es geht nicht um allgemeine Weltverbesserung".

In der neuen Lage müsse das IKRK seine Regeln anpassen. So seien in Kolumbien 16 Delegationen unterwegs, weil man mit allen Fraktionen von Guerilla und Paramilitärs und auch mit deren "Abschnittskommandanten" Kontakt haben müsse. In Tschetschenien, wo 1996 sechs Delegierte ermordet wurden, verlasse man sich nicht mehr auf den Schutz der Rotkreuzfahne, sondern lasse sich bei Gefangenenbesuchen von bewaffneten Eskorten begleiten.

Bei den gegenwärtigen Konflikten, die Enzensberger im Gegensatz zu den massiven, von Zentralen gesteuerten des 20. Jahrhunderts als "molekulare Barbarei" bezeichnet, wird immer wieder - wie in Bosnien, in Somalia und im Kosovo - der Ruf nach einer internationalen Intervention laut. Doch das IKRK, so meinte Enzensberger, "werde den Teufel tun, da Partei zu ergreifen".

Abgrenzung vom Militär

Das Komitee habe sich tatsächlich nicht zur Frage der Berechtigung solcher militärischer Interventionen geäußert, bestätigte Kellenberger. Die internationale Gemeinschaft sei dafür verantwortlich, wie man massiven Verletzungen des humanitären Völkerrechts begegnet, das regle die UNO-Charta. "Aber selbstverständlich sind auch Armeen, die eine Intervention mit einer humanitären Zielsetzung unternehmen, an die Regeln des humanitären Völkerrechts gebunden. Die politisch-militärische Rolle und die humanitäre Rolle sind zwei verschiedene Rollen. Es ist nicht gut, diese beiden zu verwechseln. Die politisch-militärische Rolle ist es, die Ursachen von Konflikten zu lösen. Die humanitäre Rolle ist es, sich mit den Folgen des Konfliktes zu befassen." Eine politisch-militärische Operation könne - neben anderen Zielsetzungen - auch eine humanitäre Dimension haben, diese könne aber nicht in der Durchführung humanitärer Arbeit bestehen. Wenn Militärs beides machen, bestehe die Gefahr, dass die Unparteilichkeit der ausschließlich humanitär tätigen Organisationen infrage gestellt werde.

Für Enzensberger besteht die Voraussetzung zum Helfen auch in der genauen Kenntnis der Lage, die etwa die US-Truppe in Somalia nicht hatte. Das bestens informierte, aber meist schweigsame IKRK folge da einer ganz anderen Logik als die Medien.

Schweigsam sei das Komitee vor allem nach außen, ergänzte Kellenberger. Mit den Konfliktparteien müssten die Delegierten "Klartext" sprechen: "Dies erfordert viel Mut und Rückgrat, denn das sind manchmal ziemlich furchterregende Gestalten."
(DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2001)

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger sprach mit dem Chef des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Jakob Kellenberger, über humanitäre Hilfe im Bürgerkriegszeitalter. Erhard Stackl berichtet aus Genf.
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