Wissen, wie man Kinder macht

18. Mai 2001, 10:56
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(Gegen-)Vorschläge für die heimische Nachwuchsförderung

Die Regierung will mehr Kinder? Die Gesellschaft braucht EinzahlerInnen für den Generationenvertrag? Die Wirtschaft Arbeitskräfte? Dann werden alle miteinander nicht um die Frauen herumkommen. Und zwar auf einem viel weiteren Feld nicht, als sich mit 6000 S monatlich beackern lässt. Vorbehalte gegen die Gesetzesvorlage sind hinreichend artikuliert, daher sei hier nur der Hauptvorwurf wiederholt: Vom angeblichen Ziel der Wahlfreiheit zwischen daheim bleiben und arbeiten gehen ist der vermeintliche Meilenstein meilenweit entfernt, solange Zuverdienstgrenzen und fehlende Kinderbetreuungsstrukturen jede auch nur annähernd lukrative Berufstätigkeit verhindern.

Gängige Gedankenfolgen sehen an dieser Stelle die Frage vor: Ja, müssen sie denn arbeiten, die Frauen? Antwort: nein. Aber können sollen sie. Und wollen, ganz unter uns gesagt, auch. Denn erstens ist eigener Gelderwerb angesichts morscher Partnerschaftlichkeit und bröckelnder Sozial- beziehungsweise Altersversorgung kein schriller Selbstverwirklichungstrip, sondern eine Überlebensfrage. Zweitens tut beruflicher Erfolg dem Selbstwertgefühl ziemlich gut. Drittens werden der heimischen Wirtschaft laut Statistik in den nächsten vier Jahren 165.000 Arbeitskräfte fehlen, also wäre es mindestens kurzsichtig, einem Teil der Bevölkerung den Zugang zum Jobmarkt zu erschweren. Außerdem gibt es da noch diese hübsche Korrelation zwischen Erwerbsquote und Geburtenrate: Wo mehr Frauen arbeiten, bringen sie auch mehr Kinder zur Welt - und umgekehrt. Staaten mit konservativen, katholisch geprägten Gesellschaftswerten, traditionellen Rollenauffassungen und Frauen-Erwerbsquoten unter 50 Prozent - etwa Italien oder Spanien - dümpeln bei Geburten-pro-Frau-Ziffern unter 1,2 herum. Österreich und Deutschland liegen nur knapp höher. Dagegen haben Schwedinnen, Norwegerinnen und Französinnen mit mindestens 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit einen Job - und statistisch betrachtet knapp zwei Kinder.

Diese nachwuchsstarken Länder setzen aber nicht nur auf Fördergeld, sondern kümmern sich auch um Strukturen. Schweden etwa zahlt Karenzierten für 13 Monate zirka 80 Prozent des Gehalts aus - mit dem Effekt, dass so ein Elternurlaub auch für gut verdienende Menschen (meistens Männer) attraktiv ist. Frankreich hält europaweit Platz eins bei der Kindergartenversorgung, bietet darüber hinaus aber auch mehr Krippenplätze und Ganztagsschulen als das diesbezüglich notorisch unterversorgte Österreich.

Und nicht genug damit, dass unsere Regierung keine Verbesserung dieser Versorgungslage in Aussicht stellt - Repräsentanten der Koalitionsparteien streben sogar ganz gezielt Verschlechterungen an. FP-Steirer Leopold Schöggl will in seinem Bundesland eine Verlängerung des Kindergeldbezuges auf sechs Jahre finanzieren, indem er die Fördermittel zur Kinderbetreuung umschichtet, sprich: die Unterstützung an die BetreiberInnen von Kindergärten kappt. Unmissverständlicher kann man nicht ausdrücken, dass Frauen keineswegs frei wählen, sondern gefälligst zu Hause bleiben sollen.

Fortschrittlichere Politik erkennt immerhin die Notwendigkeit, Beruf und Nachwuchs unter einen Hut zu kriegen, allerdings sähe man die Umsetzung am liebsten vorwiegend marktwirtschaftlich organisiert. Die Unternehmen werden schon Betriebskindergärten und flexible Dienstzeitmodelle schaffen, wenn sie weitsichtig sind. Ein paar wirklich Weitsichtige lassen sich da tatsächlich auch was einfallen.

Die Verweigerung staatlicher Lenkungsmaßnahmen schaut allerdings eher nach Kneifen aus als nach Liberalismus. Denn wenn unternehmerische Vernunft ausreichen würde, um die Arbeitswelt menschengerecht zu konstruieren, bräuchte man weder Jugendschutzbestimmungen für Lehrlinge noch feuerpolizeiliche Fluchtwegvorschriften. In manchen österreichischen Siedlungsgebieten darf man keine Wohnungen bauen, ohne die entsprechende Anzahl an Parkplätzen bereit zu stellen. Warum darf man Firmen ohne Betriebskindergarten betreiben?

Betreuungsstrukturen erschöpfen sich jedoch nicht in Nachwuchs-Aufbewahrung. Es fällt auch unter "Struktur", dass mehr als 50 Prozent der Mütter Familie und Haushalt ohne Unterstützung durch andere Personen schupfen (obwohl nur etwa ein Drittel allein erziehend ist), und dass Männer ihren generell knappen Mithilfe-Zeitaufwand durchschnittlich nur um eine Viertelstunde pro Tag erhöhen, wenn die Mutter ihrer Kinder voll berufstätig ist.

Die Struktur, um die es hier geht, ist jene der gesellschaftlichen Werte. "Ausbildung, Erziehung und Sozialpolitik als Grundlage einer neuen Solidarität", forderte Dr. Inga Brüggemann, Leiterin der Internationalen Föderation für Familienplanung, kürzlich in einem Gespräch mit Ö1-Reporterin Renate Daimler und fügte im Hinblick auf Geschlechterrollen hinzu: "Wir müssen neu denken lernen."

Die vielen möglichen Ansatzpunkte des Gender Mainstreaming - vom verstaubten Stereotyp im Schulbuch bis zur sexistischen Werbung - sind eine eigene Geschichte. Doch soviel vorweg: Ein Gebärprämien verteilender Herr Frauenminister ist mit Umdenken nicht gemeint.

Elisabeth Pechmann ist Chefredakteurin des Magazins "Alles Auto" und lebt in Wien.

Von Elisabeth Pechmann

30. April/1. Mai 2001

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