Hat uns die Erde jetzt, oder hat sie uns nicht?

1. Mai 2001, 23:57
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Galerienrundschau bei Thaddaeus Ropac und U.B.R. in Salzburg

Irgendwie soll es jetzt also doch noch Frühling werden. Die Natur gibt sich Mühe, zeigt immer deutlicher ihre grüne Seite. Auch der professionelle Galerienrundgänger, obschon meist schwarz gekleidet, bleibt davon nicht unberührt. Zumindest seine Schleimhäute nicht, und er seufzt: Die Träne fließt, die Erde hat mich wieder.

Vielleicht wird er jetzt ein wenig geneigter, Natur in jener puren Form zu vertragen, wie sie derzeit in zwei Salzburger Galerien ins Bild gesetzt wird. Denn diskursmäßig ist Natur, Landschaft usw. so out wie schon lange nicht mehr. Auch die Brücke hinüber zur Romantik, zum Erhabenen bzw. Sublimen von Caspar David Friedrich bis Barnett Newman, ist schon längere Zeit abgebrochen. Documentaplattformen-geeicht, wie der Galerienrundgänger ist, kann Landschaftsmalerei und -fotografie für ihn höchstens den neobiedermeierlichen Rückzug von der Politik bedeuten. In China würde man das nennen: "Garten des erfolglosen Politikers". In diesen Gärten kann man nur eines: sehen. Alessandro Raho wurde 1971 auf den Bahamas geboren, ist Absolvent des legendären Goldsmiths-College und lebt arbeitend in London. Er fotografiert, malt seine Fotografien und beschränkt sich auf zwei Genres: Landschaft und Porträts. In großen und kleinen Formaten pflastern die Bilder von menschenleerer Natur und isolierten Menschen patchworkartig die Wände der Galerie Ropac, so als ginge es bei beidem um ein und dasselbe. Taufrisch ist alles, mit einem quasi unschuldigen Blick, jungfräulich und rein. Ein Blick, von dem Monet geträumt hat, als er wünschte, blind geboren zu sein und plötzlich alles zu sehen, ohne zu wissen, was es sei. Geschichtslos und naiv, so wie die Natur eben.

Diesem romantischen Wunschbild huldigt Raho auch bei seinen Porträts. Obwohl oft in fotorealistischem Close-up herangezoomt und manchmal mit nacktem Oberkörper, sind die schönen Jünglinge eigentlich körperlos. Keine Spur von britischer Body-Art, eher von feiner englischer Art, Rahos Homoerotik hat mehr von Platon als von Mapplethorpe. Sie erscheint im Habitus jener leicht melancholischen Fadesse, wie man sie von Elizabeth Peyton oder Vanessa Beecroft kennt. Raho ist ein Romantiker, der sehr trendig formuliert, obwohl er gestrige Dinge sagt.

Galerie Thaddaeus Ropac, Mirabellplatz 2, 5020 Salzburg, Tel.: (0662) 88 13 93
Bis 26. 5.

In der U.B.R-Galerie treffen die Luftaufnahmen der New Yorkerin Sharon Harper auf die nahsichtigen Naturbilder der in Berlin lebenden Gertrud Fischbacher. Aber auch hier ist die Erde von allem Irdischen befreit. Harpers Fotoserie Thermodynamics konzentriert sich auf Wolkenformationen und deren fortwährende Metamorphose. Die Schwarz-Weiß-Bilder sind braun oder blau getönt, wie man es von alten Fotografien kennt. Zum distanzierenden Blick aus dem Flugzeug kommt eine historische Distanz, der Blick aus ferner Vergangenheit. Andererseits hat man dadurch den Eindruck von Malerei, Wolkenmalerei, die sich die Natur selbst malt. Philipp Otto Runge lässt grüßen.

Fischbachers Blick ist strukturalistischer und auch synthetischer. Aus gekräuselten Wasseroberflächen baut sie Muster, die ganz der Bildschirmästhetik verpflichtet sind: schnell, unübersichtlich, virtuell. Auch die Medienkünstlerin hat die Erde nicht; diese zerrinnt buchstäblich zwischen den Fingern. Da stellt sich dann die Frage: Wie romantisch ist der Cyberspace?
U.B.R.-Galerie. Bergstr. 11, 5020 Salzburg, Telefon:
(0662) 87 07 86. Bis 26. 5.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 4. 2001)

Von
Anselm Wagner

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