Baden-Baden

2. Mai 2001, 14:20
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Schon die alten Römer schätzten "Aquae". Gertraud Schneider spürt dem Flair vergangener Epochen nach.

Der erste Tag

beginnt am besten in der Buchhandlung Werner Straß in der Kreuzgasse, einen Katzensprung entfernt von allem - weil Herr Straß alles über diese Stadt weiß und er wohl alle Bücher über Baden-Baden in seinen Regalen stehen hat. Gut informiert geht es ins Herz der Kurstadt: dem Kurhaus (mit Casino) und der Trinkhalle (dort kann man neben dem Informationsbüro das Wasser der Friedrichsquelle probieren). Am Theater vorbei (es wurde mit der Uraufführung von Berlioz' "Béatrice und Bénédict" eröffnet) immer der Oos entlang führt der Weg durch die Lichtentaler Allee zum Kloster Licht enthal. Dieser Spaziergang zeigt die liebliche Seite des Schwarzwaldstädtchens - und die reiche: Jahrhundertwende-Villen (vom vorletzten zum letzten!), elegante Hotels, wie Brenners Parkhotel, die Gönneranlage (ein herbstrenger Rosen-Garten), die umstrittene Staatliche Kunsthalle, der erste deutsche Tennisclub . . . Der Rückweg führt an der Russischen Kirche vorbei zur Sophienstraße. Wer da der Einkaufslust widerstehen kann, ist wahrhaft ein Asket. Ein Tipp für Genießer: Das Wiener Kaffeehaus "Sophie" im Hotel Quellenhof. Dort ist Kaffee wirklich Kaffee.

Hinter der im Stil eines toskanischen Stadtpalazzos gebauten Alten Polizeidirektion erhebt sich die moderne Caracalla-Therme - Baden-Baden ist ja ein Badeort. An der Kirche zum Heiigen Grab vorbei erreicht man das Neue Schloss. Dort hat man den besten Überblick über die Stadt. Nach ein paar Stufen bergab, am Baldreit vorbei, wartet im Friedrichsbad die Belohnung für die Mühen: das römisch-irische Bad in einem der schönsten Thermal-Badehäuser der Welt. Gute zwei Stunden Verwöhnen pur. Am Abend dann warten - je nach Energie, Lust und Angebot - das Theater, das wunderschöne Festspielhaus (vom Österreicher Wilhelm Holzbauer gekonnt in und hinter den Alten Bahnhof gebaut - dort gibt es ein hervorragendes Restaurant!) oder das Casino.


Der zweite Tag

gehört dem Rebland. Richtung Norden warten Rastatt und das Schloss Favorite, das Sommerschlösschen der Markgräfin Sibylla Augusta (erbaut 1710 bis 1712) auf einen Besuch. Richtung Westen liegt Iffezheim, Schauplatz der vom "Spielbankenkönig" Edouard Bénazet 1858 ins Leben gerufenen Pferderennen - das "Ascot Deutschlands".

Irgendwann am späten Nachmittag landen Sie in einer der Winzergenossenschaften, zum Beispiel bei StichdenBuben in Umweg. Will Ihnen Herr Wimmer Gutes, führt er Sie in ein besonderes Kleinod, ins Rebhäusle (das einer Wienerin gehört!). Wenn Sie dann dort sitzen, vor sich einige Flaschen badischen Weins, ins Rebland schauen, den Turm des Strassburger Münsters erahnen, greifen Sie zum Handy und machen das einzig vernünftige: Sie melden sich eine Woche ab, denn es wartet zu viel Schönes: Schloss Neuweier (samt Restaurant und Kellerei), das Elsass liegt vor der Tür, das Friedrichsbad kann man nicht oft genug genießen, so wie Küche und die Winzergenossenschaften des Reblandes. Außerdem verträgt die ganze Landschaft nichts weniger als Hektik, und die kommt bei so viel Programm in 48 Stunden hundertprozentig auf.

Anreise: Per Flugzeug nach Stuttgart und weiter per Bahn via Karlsruhe nach Baden-Baden. Zwei Zugpaare täglich ohne Umsteigen (Fahrtzeit knappe 9 Stunden).
Hotels: Baden-Baden hat viele hervorragende Hotels mit attraktiven Spezial-Arrangements. Das "Badhotel zum Hirschen" ist eine der ältesten Herbergen, in die Badewannen fließt Thermalwasser. "Brenners Parkhotel" ist die luxuriöseste und teuerste Möglichkeit, in der Stadt zu logieren.
Essen und Trinken: Die badische Küche ist hervorragend. Am besten geschmeckt hat es im Rebland: "Gasthaus zum Weinberg" (Umweg), "Landprinz" (Steinbach). Die Winzergenossenschaft StichdenBuben (Umweg) keltert hervorragende Weine, Riesling und Regent (ein voller Rotwein) sind zu empfehlen - und die Verkostung im Rebhäusle. (www.stichdenbuben.de)
Tipp: Baden-Baden hat ein "Hauptstandesamt". Das heißt, es kann auch dort heiraten, wer nicht in dieser Stadt gemeldet ist. Das Theater bietet den entzückenden Spiegelsaal für derartige Vorhaben an.
Literatur: Hervorragend der Dumont Kunstreiseführer "Baden-Baden", sehr gut "Nordbaden" aus dem gleichen Verlag. Zur Vertiefung: "Rauch" von Turgenjew, "Hortense oder die Rückkehr nach Baden-Baden" von Otto Flake, "Der Balkon" von Reinhold Schneider.
Infos: www.baden-baden.de, Tel. 0049/7221/275 207.
"Frühjahrs Meeting" in Iffezheim: 19. bis 27. 5., die hochdotierten Rennen finden ab 13.30 bzw. 14 Uhr statt, Eintrittspreise ab 10 DM (Infos unter www.iffezheim.de)

Ganz persönlich

Baden-Baden ist elegant. Ruhig. Sanft. Lieblich. Keine Spur von action, hype, Rambazamba. Es ist der Inbegriff von Müßiggang, Flanieren, mit der Seele baumeln, es ist eine Oase der Erholung, nie langweilig, so was wie ein Loch im Zeitkontinuum und daher ungeheuer kostbar in einer immer schneller werdenden Gegenwart.

Es liegt noch der Duft der "Sommerhauptstadt Europas" in der Luft: Hier kurten ja die gekrönten Häupter Europas, der russischen Adel (und die Pariser Edel-Kokotten). Geistesgrößen wie Lenau, Storm, Clara Schumann, Brahms, Liszt, Turgenjew, Tolstoj und Dostojewski lebten zum Teil viele Jahre in der Stadt (Mark Twain gefiel es nicht besonders).

Baden-Baden ist daher anspruchsvoll: Es verlangt offene Augen, Ruhe, Muße, Zeit. Sightseeing im Schweinsgalopp verträgt sich nicht mit dem speziellen Flair Baden-Badens.

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