Der ICH-Aktienmarkt ist Realität

21. November 2001, 10:55
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Der Wert des Humankapitals steigt

Standard: In 20 Jahren, das prophezeien Sie in Ihrem neuen Buch, wird es ganz normal sein, dass gut qualifizierte Menschen Aktien ausgeben auf Ihre eigene Arbeitskraft, und diese Aktien werden auch an Börsen handelbar sein ...

Meyer: Die Entwicklung dahin hat längst angefangen. Seit es im Internet so viele effizient arbeitende Jobsites gibt, beginnen immer mehr Menschen, ihre Arbeitskraft tatsächlich als Humankapital zu betrachten und sie auch wie einen Kapitalfaktor zu vermarkten. Zum Beispiel gab es im April 1999 auf der Internet-Auktionsplattform ebay ein ziemlich ungewöhnliches Angebot: Da suchte ein Team von 16 Mitarbeitern eines größeren Internet-Serviceproviders als Gruppe nach neuen Aufgaben: ein Direktor (200.000 US-Dollar), zwei Manager (180.000 US-Dollar), drei Chefingenieure (190.000 US-Dollar), fünf Administratoren (150.000 US-Dollar) und so weiter.

Standard: Und was ist aus diesem Offert geworden?

Meyer: Niemand gab ein Angebot ab. Aber das macht nichts, denn damit war eine Geschäftsidee geboren. Andere folgten dem Beispiel und kaum einen Monat später rief einer der ursprünglich 16 An gestellten von ebay eine Webseite für Hightechexperten und Kollektive ins Leben, die den Marktwert ihres Humankapitals testen wollten. Und im Juli 1999 kam dann Monster.com mit seiner Jobversteigerungs-Homepage, dem "Talentmarkt", und berichtete von 100.000 registrierten Anmeldungen in den ersten zwei Monaten.

Standard: Wie deuten Sie diese Entwicklung?

Meyer: Menschen beginnen, sich selbst als Vermögenswerte anzusehen. Wenn die Entwicklung von Onlinemärkten anhält, dann entstehen weltweit effiziente Märkte für Humankapital.

Standard: Was hat es für Konsequenzen, wenn Arbeitskraft zu Humankapital wird?

Meyer: Es wird handelbar wie jede andere Kapitalform auch. Und da die Kapitalmärkte viel effizienter funktionieren als die Arbeitsmärkte, werden sich unweigerlich Finanzmärkte für alle möglichen Formen des Humankapitals entwickeln. Im praktischen Leben bedeutet es, dass elektronische Jobmärkte Headhunter und klassische Stellenmärkte unter Druck setzen. Immer mehr Menschen werden als Selbstständige ihr Humankapital auf eigenes Risiko vermarkten. Immer mehr Personen erleben die Arbeitswelt nicht mehr als Job fürs Leben, sondern als Aufeinanderfolge von Entscheidungen im Rahmen ihres persönlichen Risikomanagements.

Standard: Von selbstständiger Arbeit bis zum börsennotierten Humankapital ist es aber noch ein langer Weg.

Meyer: Ja, aber auch dafür gibt es schon Beispiele. Mithilfe einer New Yorker Investmentbank hat zum Beispiel der britische Rockstar David Bowie 15-jährige Bowie-Bonds im Wert von 55 Millionen US-Dollar aufgelegt. Die Prudential Insurance Company of America hat sich sofort alle Bonds unter den Nagel gerissen. Jim Clark etwa, der Gründerpionier von Silicon Graphics, Netscape und Healtheon, bekommt schon für das Skizzieren eines Geschäftsmodells ansehnliche Kapitalbeteiligungen.

Standard: Das sind aber keine normal Sterblichen.

Meyer: Ja, aber was in Sport und Showgeschäft seit langem gilt, wird bald in allen Branchen gang und gäbe sein. Genies sind mobil, und mit ihnen reist ihr Wert. Gefragte Chirurgen, Wissenschafter und Staranwälte werden in Kürze ihr Geschick und ihre Zeit vermarkten, wie schon jetzt die Grafikdesigner und Softwareingenieure auf Monster.com.

Standard: Was unterscheidet einen frisch gebackenen Harvard-Magister als Börsenofferte von Einzelhypotheken?

Meyer: Nicht viel! Es ist vorstellbar, dass der gesamte Harvard-Magisterjahrgang 2001 mit seinen summierten Einkommensaussichten an die Börse geht. Oder wenn sich die so genannten "Baker Scholars" - die besten fünf Prozent ihres Jahrgangs - gemeinsam als Paket anbieten, dürften sie von der Börse nicht schlechter bewertet werden als eine Interneterstemission.

Es wird sich auch für Menschen ein Preis austarieren, und es finden sich Mittel und Wege, mit Humankapital zu handeln und auf dem globalen Risikomarkt zu spekulieren.

Standard: Wie wird die Entwicklung in nächster Zeit konkret weitergehen?

Meyer: Die Welle wird in fünf bis zehn Jahren auch hoch bezahlte Freiberufler erfassen. Dann werden die besten und intelligentesten Geistesarbeiter am Markt teilnehmen. Und in zehn bis 15 Jahren werden wir einen Nasdaq-ähnlichen Markt haben, der persönlichkeitsgestützte finanzielle Instrumente austauscht. Bis dahin werden für diesen Handel kommerzielle Spielregeln und formale Vorschriften eingeführt sein. Und die Finanzdienstleistungsbranche wird Investmentfonds mit unbeschränkter Emissionshöhe schaffen, um menschengestützte Wertpapiere zu halten. Bewerbungsunterlagen und Lebensläufe, wie wir sie heute kennen, werden sich dann auf eine Erklärung zu den Aktivposten und Verbindlichkeiten unseres Humankapitals beschränken.

Standard: Wie wird unser Leben als wandelnde Bilanz aussehen?

Meyer: Dann wird uns unser Wecker womöglich schon in aller Herrgottsfrühe mitteilen, dass Gen-Ingenieure zwei Punkte gestiegen sind, während Unterhalter anderthalb runtergehen und uns gleich unseren Tickerpreis mitteilen: "Sie haben über Nacht fünfzig Hundertstel verloren - sofort aufstehen!" (DER STANDARD, Print-Ausgabe)

Annette Eicker sprach mit Christopher Meyer, Director des Cap Gemini Ernst & Young Center for Business Innovation in Boston, über sein neues Buch und unser Leben als wandelnde Bilanzen.

Annette Eicker ist Ressortleiterin von Handelsblatt Karrieren und Junge Karriere.

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