Verhinderter "Freispruch" für Wiener UN-Chef

4. Mai 2001, 11:13
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Pino Arlacchi zieht fertige Presseerklärung zurück

Wien - Ein kleiner Unfall ("Fehlfunktion", so Pressesprecher Sandro Tucci) auf dem Weg zur erhofften Rehabiliation des Wiener UNO-Chefs Pino Arlacchi: Wie Der Standard berichtete, wurde Arlacchi gleich von mehreren hochrangigen Exmitarbeitern des Drogenkontrollprogramms (UNDCP), dessen Direktor er ist, wegen professioneller und persönlicher Unzulänglichkeiten scharf kritisiert; in der Folge wurde die UNDCP auf Anordnung der UNO-Zentrale in New York gleich mehreren Prüfungen unterzogen. Gestern verbreitete die italienische Nachrichtenagentur Ansa einen Text, demzufolge "Arlacchi von jedem Vorwurf freigesprochen sei", diese Jubelmeldung ist somit öffentlich. Eine gleichlautende Erklärung wurde von der UNO in Wien erstellt (sie liegt uns vor), wurde aber dann in letzter Minute am Donnerstagabend gestoppt und nicht herausgegeben - Insider behaupten, auf Anordnung aus New York.

Die behauptete und zurückgenommene angebliche Reinwaschung Arlacchis erfolgte allerdings ohnehin nicht von den aus New York geschickten UNO-Inspektoren, sondern von einer externen Auditor-Gruppe aus Großbritannien. Laut Berichten der Financial Times von Freitag, der der Auditorbericht vorliegt, ist jedoch die Sache so klar nicht, wie sie Arlacchi in Wien darstellen wollte. Zwar werde Arlacchi von persönlichen Verfehlungen freigesprochen (wobei die Auditoren einen der schwersten Kritikpunkte, ein dubioses Segel-Projekt, für das einiges Geld in den Sand gesetzt wurde, gar nicht untersuchten), aber der Bericht enthalte auch klare Kritik an Finanzgebaren und Ressourceneinsatz der Behörde, schreibt die FT.

Eingefrorene Gelder

Nicht das einzige Ärgernis für Arlacchi: Die Niederlande, ein wichtiger Geldgeber der Drogenkontrollbehörde, haben im April ihre Gelder eingefroren, bis die Vorwürfe des Missmanagements geklärt sind. In Wien wird die Sache heruntergespielt, ein Sprecher des Außenministeriums in Amsterdam bezeichnet den Schritt jedoch als "drastisch".

Ob die Holländer - und die Öffentlichkeit - jemals den (schon in Wien eingetroffenen) originalen Kontrollbericht aus New York zu Gesicht bekommen, um ihre Entscheidung zu fällen, ist aber fraglich. Der interne Bericht geht mit Erklärungen und Kommentaren Arlacchis versehen an New York zurück, dort wird dann eine neue, für die Öffentlichkeit bestimmte Version erstellt, sie wird in ein paar Wochen erwartet. Beobachter erwarten eine milde Variante - UNO-Generalsekretär Kofi Annan wolle kurz vor der Entscheidung über seine Wiederbestellung negative Schlagzeilen über die UNO auf alle Fälle vermeiden.

Ominöse Klage

Vielleicht muss New York das Original aber doch herausrücken - dann nämlich, wenn Arlacchi seine zivilrechtliche Klage wegen Rufschädigung gegen La Repubblica weiterverfolgt, die im Dezember zum ersten Mal vom Fall Arlacchi berichtet hatte. Der Anwalt der Geklagten würde dann wohl auf einer Einsicht bestehen. Erstaunlich ist, dass UN-Sprecher Tucci am Freitag auf Anfrage sagte, dass er von dieser - vor Wochen zugestellten - Klage gar nichts wisse. So war auch nicht zu erfahren, ob Arlacchi, wie vorgesehen, von der Zentrale in New York grünes Licht zum Klagen erhalten hat oder nicht.

Spannend wird es auch zu sehen, ob Arlacchi auf die vor kurzem publizierte Fundamentalkritik der römischen Expertin und Universitätsprofessorin Carla Rossi an seinem Weltdrogenbericht 2000 (vom Jänner 2001) reagiert. Wie Der Standard berichtete, hatte der Koordinator des Bericht, Francisco E. Thoumi, vor Herausgabe distanziert, wenn der Bericht in der von Arlacchi gewünschten Form erscheine (was er dann tat). Rossi spricht auf 17 Seiten von "Auslassungen und Entstellungen", der Weltdrogenbericht sei ein "Propaganda- und Desinformationswerk", geschaffen allein, um Arlacchis Drogenpolitik zu untermauern und etwa die Niederlande mit ihrer liberalen Annäherung zu diskreditieren. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 28. 4. 2001)

Von Gudrun Harrer

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