"Man sieht in uns noch immer das ‚dienende Mädchen‘"

2. Mai 2001, 10:39
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Elisabeth Bock, Medizinisch-Technische Analytikerin (MTA) und Projektleiterin „Qualitätsmanagement“ an der Abteilung für Gynäkopathologie/AKH Wien

Auf dem schmalen Tisch im engen Labor stehen verschiedene Behälter, Wannen und Dosen unterschiedlicher Größe: „Das ist ein aufgeschnittener Uterus“, sagt Elisabeth Bock und deutet auf einen Plastikbehälter, in dem etwas Weiches, Rosiges, von der Größe eines Tennisballs schwimmt.

Die „Dame in Weiß“ ist Medizinisch-technische Analytikerin an der Abteilung für Gynäkopathologie (Institut für Klinische Pathologie) am Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Aufgeschnittene Präparate und Gewebsproben zu behandeln, um sie unter anderem auf Krebszellen zu überprüfen, ist hier Teil der täglichen Arbeit. „Wir bekommen die Präparate von den Stationen oder per Boten von auswertigen GynäkologInnen“, erklärt Bock. „Sie werden beschriftet, geordnet und in Wachs gegossen haltbar gemacht. Mit einer speziellen Schneidemaschine wird dann ein dreitausendstel Millimeter feiner Gewebeschnitt von diesem Präparat gemacht und von FachärztInnen für Pathologie auf Gewebsveränderungen befundet.“

Etwa 200.000 Schnittpräparate werden pro Jahr von den rund 6000 einlangenden Präparaten angefertigt und auf Krebszellen untersucht, und auch Krebsabstriche werden an die Abteilung eingeschickt und hier von Zytologinnen (=MTA mit zusätzlicher Spezialausbildung) überprüft. Bekommt man da, wenn man tagtäglich damit zu tun hat, größere Angst vor Krebs? – „Angst habe ich eigentlich keine“, sagt die Analytikerin, „aber ich habe schon bewusster darüber nachgedacht.“

Ungewöhnliche Aufgabe

Neben der Medizin hat Elisabeth Bock auch noch eine ganz andere Aufgabe über, die man nicht sofort mit dem Beruf der Medizinisch-technischen Analytikerin verbindet: „Ich leite das Projekt „Qualitätsmanagement“ an unserem Institut – das heißt, dass unser Labor nach ISO 9001-Norm zertifiziert wird. Dazu werden alle Arbeitsbereiche auf ihre Effizienz und Qualität überprüft, und das koordiniere ich.“ Warum sie diese Aufgabe übernommen habe? – „Ich wollte einfach mehr Aspekte meines Berufs kennenlernen und habe den Lehrgang für Krankenhaus-Management an der WU Wien besucht. Ich bin jetzt seit 25 Jahren in dem Job und die Routine wird irgendwann fad – mit der Leitung des QM-Projekts tobe ich mich aus und versuche, die Arbeit hier mit Leben zu füllen.“

Die Zertifizierung soll vor allem den KundInnen als Orientierung dienen und ihr Vertrauen stärken: „Mit der Zertifizierung zeigt man, dass man bestimmte Normen einhält und zum Beispiel nur qualifiziertes Personal anstellt. Schließlich hat auch jedes Bügeleisen sein TÜV-Pickerl, nur in der Medizin soll man alles automatisch für gegeben hinnehmen, was die „Götter in Weiß“ vorschreiben.“ Die „KundInnen“, das seien nicht mehr nur die Ärztinnen und Ärzte, die ihre Proben und Präparate einsenden: „Je mehr die Patienten selbst zahlen müssen, desto mehr suchen sie sich auch den Arzt aus und immer mehr Patientinnen fragen auch z.B. schon nach, an welches Labor die GynäkologInnen ihre Abstriche schicken.“

Außerdem habe sie die neue Herausforderung dieses Projekts angenommen weil sie aus dem traditionellen Rollenbild aussteigen wollte, das ihr Beruf mit sich bringt: „Es ist ein typischer Frauenberuf – und von der geschichtlichen Entwicklung her sind wir die Helferin des Arztes.“ Bis zum Jahr 1992 galt auch noch die Berufsbezeichnung „Medizinisch-technische Assistentin. „Dieser Ausdruck lebt noch in den Köpfen vieler Leiter und bei anderen, im selben Gesetz verankerten, Berufsgruppen wie Diät- oder Röntgenassistentin. Und die Einstellung dazu - leider auch unter Kolleginnen: ‚Ich bin „nur“ MTA, RTA,...‘ - ist immer noch die vom ‚dienenden Mädchen‘.“ Vor allem die Jüngeren würden oft ganz selbstverständlich von den Ärzten und Ärztinnen mit dem Vornamen angesprochen. „Wir arbeiten laut Gesetz eigenverantwortlich, aber das ist noch immer nicht durchgedrungen. Die Öffentlichkeit kennt uns oft als ‚Laborschwester‘ oder ‚Sprachtante‘ (= Logopädin) oder ‚Basteltante‘ (=Ergotherapeutin). Und dieses Bild ist nicht so leicht aus den Hirnen zu kriegen.“

Innerhalb des Qualitätsmanagement-Projekts machen sich die MitarbeiterInnen des Instituts auch Gedanken darüber, wie sie ihre Arbeit eigentlich selbst bewerten würden und wie zufrieden sie dabei sind, erzählt Elisabeth Bock: „Plötzlich werden ganz alltägliche Dinge hinterfragt.“ Die MitarbeiterInnen seien das Selbst-Erarbeiten teilweise gar nicht gewohnt, und man müsse sie daher immer wieder neu dazu anspornen: „Ich leite und organisiere zwar das Projekt, aber mitarbeiten müssen alle.“

Innerhalb des QM-Projektes werden Arbeitsschritte überprüft, wie zum Beispiel die Frage, was mit fehlerhaften Präparaten und Produkten passieren soll, oder wer die Studenten wie auf der Abteilung betreut. Dann werden diese Schritte, und was dazu getan werden muss, mit der Hilfe von außenstehenden Beraterinnen dokumentiert und systematisch in eine Ordnung gebracht. Die Unterlagen werden anschließend an alle Mitarbeiter verteilt, damit jede und jeder über den Ablauf der diversen Tätigkeiten Bescheid weiß. „‘Qualitätsmanagement ist die konsequente Anwendung gesunden Menschenverstandes‘ hat eine Beraterin einmal treffend formuliert und das gefällt mir als Umschreibung sehr gut“, sagt Bock. „Die Norm schreibt vor, was gemacht werden muss – wie wir es machen, ist ganz uns überlassen.“

Das Projekt startete vergangenen Sommer und dauert etwa ein Jahr. Jedes Jahr muss ein sogenanntes „Audit“ gemacht werden, bei dem die Standards überprüft werden und alle drei Jahre erfolgt eine Nachzertifizierung. Elisabeth Bock: „Bis so ein Projekt greift, dauert es, denn es muss bei den MitarbeiterInnen erst ein Gesinnungswandel eintreten, und das braucht seine Zeit – sie müssen diese neue Art, zu arbeiten, erst einmal inhalieren.“ (Isabella Lechner)

April 2001

Das ausführliche Interview mit Elisabeth Bock finden Sie hier:
"Wir müssen mehr Selbstbewusstsein zeigen und dürfen unsere Leistungen nicht verniedlichen"

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