Magerquark und Knäckebrot

1. März 2002, 12:12
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Meditationen zu Motiven von Canettis "Masse und Macht"
Teil 8 von Franz Schuh

Wie jede Zeit ist auch die, in der derzeit gelebt wird, seltsam und befremdlich: Die Revolution zum Beispiel findet heutzutage auf dem Theater statt, aber sie findet statt, denn bei uns zu Haus gibt das Burgtheater dem Publikum die Chance, sich anzusehen, was denn das heißt: Revolution.

Die Massen, die selbstvergessen sind, haben daher auch die Revolution vergessen, und die Revolution - bevor sie sich eingemeinden lassen muss in die Geschichte, in eine langwierige Erzählung - ist ein auratischer Augenblick, eine profane Erleuchtung gewesen. Großartig, wie die Schauspieler auf der Bühne des Akademietheaters Heiner Müllers Stück "Der Auftrag" spielen. Das Stück nimmt einen schon postrevolutionären, depressiven Moment der Französischen Revolution zum Anlass, um die Verfinsterung der ehemaligen Erleuchtung zu zeigen: Die Revolutionäre haben verloren, sie erlösen sich selbst von ihrem Auftrag, und wer früher einmal im Aufstand der Massen mit anderen eine Gemeinsamkeit bildete, fällt wiederum zurück in die Klassengesellschaft.

Welche Bündnisse sind noch möglich, welche bereits ausgeschlossen, und was spiegelt sich in den Gesichtern der Einzelnen wider, die ihren revolutionären Auftrag nicht erfüllen können? Aber gerade weil der Aufruhr vorüber ist und die von ihm gezeichneten Menschen sich selbst überlebend weiterleben müssen, bekommt der Zuschauer eine Ahnung davon, was "das andere" war, dem sie einst dienten und dem sie nicht gerecht werden konnten, auch weil die Verhältnisse nicht so sind. Der Schatten des neuen Tyrannen fällt bereits auf die alte Erleuchtung. Die Hauptrolle spielen wieder simple Einzelne, ja Vereinzelte, deren Eigenschaften, die sie mit Macht in einen Kampf investiert hatten, zu Idiosynkrasien ausarten, zu jenen charakterlichen Sendboten einer kalten Einsamkeit, die sich nur noch um sich selbst zu kümmern in der Lage ist.

Im Theater der Gruppe 80 wurde lange Zeit ein ebenfalls grandioses Stück gespielt: "Aus der Fremde" von Ernst Jandl. Der Protagonist des Stücks, ein Dichter, kann sich kaum um sich selbst kümmern. Aufzukehren, was ihm runterfällt, bringt ihn in existenzielle Not. Hin und wieder hält er sich an dem Gedanken, sich umzubringen, fest; dann wieder an dem gegensätzlichen Gedanken, dass zwischen dem Wort vom Selbstmord und der Ausführung eine nicht unbequeme Diskrepanz herrscht. Und außerdem: Einem Dichter kommt die Depression ja recht, er kann sie für das Dichten nützen.

Am meisten ist diese Figur eines Dichters bei sich, wenn sie ausfällig wird. Sie hasst vieles, zum Beispiel die Geschichte: "geschichtshaß/ gründlichst empfangen/habe er zur nazizeit." Dieser Geschichtshass ist paradox, weil er ohne Berufung auf Geschichte nicht auskäme. Ohne Verweis auf eine historische Erfahrung wäre dieser Hass sich selbst nicht genug. Die Nationalsozialisten waren die Gegen-Revolutionäre. Ihre Revolution war gegen die Massen gerichtet, die sich damit politisch und moralisch ruinierten. Die Utopie der Französischen Revolution war die der Gleichheit. Die gleichgestellten Menschen herrschen selber: Die Masse an die Macht!

Im Nationalsozialismus spannte eine selbst ernannte Elite, die herrschen wollte, die Massen dafür ein. Die Massen sollten sich unterwerfen und diese Unterwerfung zugleich als ihren Triumph erleben. In der nationalsozialistischen Erlebnisgesellschaft diente die "Ästhetisierung der Politik" diesem Zweck: Dort, wo es nicht um Macht, sondern um Ästhetik ging, bei Aufmärschen, Sportveranstaltungen und Radioübertragungen, sollten die Massen das Gefühl bekommen, sie wären im "Dritten Reich" an der Macht.

Die nationalsozialistischen Führer, die nicht so gerne "Gott" sagten, sagten lieber "Vorsehung" oder "Geschichte". Aus der Geschichte entnahmen sie Vorbilder (am liebsten Tyrannen), um mit ihnen die oft fanatisch einwilligenden Massen zum selbstschädigenden Heroismus anzustiften. Der gerade an einem Stück dichtende Dichter in Jandls "Aus der Fremde" sagt: "historische stücke/überlasse er den großen historischen dramatikern." Das hat auch ökonomische Gründe: "diese gebe es schließlich/wenn man die großen unaufgeführten hinzuzähle/zum saufüttern." Das entstehende eigene Stück steht in Opposition zur historischen Größe; es "sei einfach alltagsdreck" und "chronik der laufenden ereignislosigkeit."

Inzwischen scheinen die Massen im Alltagsdreck und in der laufenden Ereignislosigkeit verschwunden zu sein. Die Masse hat ihre Macht vergessen. Das gilt nur für unsere Breiten und wahrscheinlich auch nur vorübergehend. Man soll wissen, und man kann es zum Beispiel von Canetti lernen, dass in dieser Zivilisation traditionelle, barbarische Gefahren lauern, aber auch, dass es Selbstbefreiungsmöglichkeiten geben könnte, die an der Masse hängen. Canetti hat in seinem Werk, also nicht allein in Masse und Macht, dieses dramatische Wechselspiel beschrieben zwischen der Lust des Einzelnen, Masse zu werden, und der bis zur Erstarrung gehenden Unlust, sich aufzugeben. Diese Unlust und Starrheit kann freilich erst recht umkippen in den übermächtig werdenden Wunsch, die Distanzlasten abzuwerfen, den vielen gleich zu werden und gemeinsam mit ihnen etwas zu unternehmen und zu erleben.

Bei Heiner Müller ist davon die Rede, dass der Tod die Maske der Revolution und die Revolution die Maske des Todes ist. Damals, zur Zeit der Französischen Revolution, hatte man maschinelle Erleichterungen für das Töten entdeckt. Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus trat der Tod ohne Maske auf, und dieses Unmaskierte, dieses Unverhohlene des Todes, der Tod in Reinkultur als eigentlicher Inhalt der Geschichte dieser Zeit der Weltkriege, das ist es, was Canettis Masse und Macht dem Gedächtnis bewahren möchte.

Masse und Macht spricht davon kaum jemals direkt; es wird zwischen den Zeilen klar, in denen der Schrecken sich versteckt, der in den Zeilen ausgenüchtert und den Verstand nicht mehr beeinträchtigend vorkommt. Canettis Buch, das Gegenteil zu jeder "Ästhetik des Schreckens", weckt den Sinn und das Gefühl dafür, wie die Masse aussieht und wie die Macht schmeckt. Das Werk geht in die Details der Massenbildungen , untersucht mikroskopisch riesenhafte Menschenansammlungen, aber auch kleinere Kerne, zum Beispiel die "Massenkristalle". Das sind "kleine rigide Gruppen von Menschen, fest abgegrenzt und von großer Beständigkeit, die dazu dienen, Massen auszulösen." Aber es ist wichtig zu begreifen, dass Canettis Buch, ein großes Einzelwerk, vor allem Teil eines Problemzusammenhanges ist. Man lese zum Beispiel das erste Kapitel von Don DeLillos Mao II: Paare werden in Massen unter religiösen, sektiererischen Vorzeichen getraut; es ist eine entindividualisierte Hochzeit: "Sie alle empfinden das gleiche ..., immunisiert gegen die Sprache des Ich ... Sie stehen da und singen, gestärkt vom Blut der Masse."

Die neoliberale Utopie besteht nicht zuletzt darin, dass es "die Masse" nicht mehr gibt. Längst sei sie "der Menge" gewichen, also einer bloßen statistischen Vielzahl, die jenseits ihrer Berechenbarkeit keine wichtigen und schon gar keine gefährlichen Eigenschaften mehr ausbildet. Jedes Systemvertrauen labt sich an der Vorstellung, die Masse in der Hand zu haben. Aber im Hier und Jetzt steckt die Masse tatsächlich in einem Dilemma. Dieses Dilemma hat Peter Sloterdijk, explizit an Canetti anknüpfend, beschrieben: Das Führerprinzip von einst sei dem Programmprinzip gewichen. Heutzutage werden die Massen unterhalten. Canetti hat, wenn er von "Entladung" sprach, noch jenen physischen Vorgang beschrieben, in dem sich Menschen zu einer Masse versammeln: "Plötzlich ist alles schwarz von Menschen."

Die Massenmedien versammeln ebenfalls eine Masse von Menschen. Die Masse bleibt aber unsichtbar, das bedeutet: Wir, die wir zu ihr zählen, spüren nichts voneinander. Das führt in meinen Augen zu dem merkwürdigen Dilemma, dass wir eine Masse sind, ohne aber etwas davon zu haben. Das physische Glück, uns in der Masse zu verlieren, ist uns fremd. Wir, die wir die Programme konsumieren, sind allein geblieben, und in unserem Alleinsein sind wir erst recht die Masse. Der Geschichtshass ist auf Gleichgültigkeit geschaltet: Die Vorstellung, Geschichte zu schreiben, ist absolut fremd geworden. Es geht dem "Masseneremiten" so wie Jandls Dichter, der sich nur im Konjunktiv selbst behaupten kann: "und er strikte mit erfahrung operiere", sagt er. Und was gehört zu dieser Operation Erfahrung: "zum beispiel magerquark und knäckebrot." []

Elias Canetti, Masse und Macht. Ist in verschiedenen Ausgaben
(von öS 218,- bis 496,-) erhältlich.

Franz Schuh ist Autor, Essayist und "Taschenbuch- rezensent" in der "Zeit". Er lebt in Wien.
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