Lesekatastrophen

1. März 2002, 12:11
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Hanns Sachs "Gemeinsame Tagträume" (1881-1947)
Teil 7 von Lydia Marinelli

Die Grenze zwischen Literatur und Psychoanalyse verläuft durch ein unsicheres Gebiet. Ein Grenzgängertum zwischen den beiden kann rasch vom wechselseitigen Austausch in Konflikte umschlagen. Auf der einen Seite formierte sich die Psychoanalyse als Wissenschaft, in deren Begriffe und Prinzipien literarische Figuren, die antiken Tragödien und Mythen entstammen, eingelassen sind. Diese literarische Kindschaft rief die Kritik auf den Plan, die in ihr nichts weiter als ein fiktionales, die Übereinkünfte moderner Wissenschaft ignorierendes Mythengespinst erblicken wollte. Auf der anderen Seite führte diese Grundlegung in der Literatur die Psychoanalyse zum Wissen darum, dass Kinder hervorzubringen mitunter ein mörderisches Unterfangen sein kann. Das bekam die Literatur wiederum zu spüren, wenn in dem Bemühen, sie psychoanalytischen Methoden zu unterwerfen, oft nicht viel mehr von ihr übrig blieb als eine Endlosschleife aus ödipalen Mustern. Diese Tendenz lässt sich als Rache für die das Ansehen gefährdende literarische Abhängigkeit verstehen, in die sich die Psychoanalyse freiwillig begab. Sie trug ihr aber selbst von Schriftstellern, die ihr gewogen waren, den Vorwurf ein, sobald sie sich mit Literatur befasse, nur mehr eine Maschinerie aus Rezepturen und Worthülsen in Gang zu halten.

Das 1924 erschienene kleine Buch Gemeinsame Tagträume von Hanns Sachs entstand auf diesem schwankenden und umstrittenen Boden. Sein Autor brachte es zu keiner dauerhaften Bekanntheit in der österreichischen Kulturgeschichte, die er, der sich gerne nur in der Position eines Freud-Schülers und ewigen Zweiten präsentierte, auch gar nicht angesteuert hatte. Der 1881 geborene Sachs absolvierte ohne sonderliche Begeisterung ein Jus-Studium, arbeitete als Advokat und beschäftigte sich mit englischer Literatur. Die Flucht vor dem Nationalsozialismus brachte ihn 1938 nach Boston, wo er die Zeitschrift American Imago gründete, die sich heute noch psychoanalytisch mit Kunst und Literatur beschäftigt. Mit seiner Übersetzung der Barack-Room Ballads von Kipling stellte er sich 1910 bei Freud vor, der sein Interesse in den Jahren zuvor immer mehr auf kulturelle Phänomene ausgedehnt hatte. War Freud als Arzt gezwungen, seine Arbeiten zur Literatur, wie er eingestand, in der Haltung des Dilettanten zu verfassen, erhoffte er sich in Sachs jemanden, der als einer der ersten nichtmedizinischen Psychoanalytiker die Psychoanalyse aus geisteswissenschaftlicher Perspektive vorantreiben konnte.

Sachs' Unternehmen nimmt sich bescheiden aus, liest sich eher wie eine Anmerkung zu der von Freud eröffneten Verbindungslinie zwischen literarischen Texten und psychoanalytischer Methodik. Die Übereinstimmung, die Freud in Der Dichter und das Phantasieren vorschlug, basiert auf der Annahme einer Wunscherfüllungsstruktur. Schriftsteller handeln demzufolge ähnlich wie spielende Kinder. Beide besitzen ein gemeinsames Gegenteil, das nicht Ernst, sondern Realität lautet. Ihr Unterschied beruht darauf, dass spielende Kinder ihre Fantasien an greifbare und sichtbare Dinge anlehnen, während die Literatur den Wunsch im und durch den Text erfüllt. Diesen spielerischen Umgang mit Literatur beschränkte Freud, der für seine These positive Helden und Happyends zu benötigen meinte, zunächst auf die Populärliteratur seiner Zeit. Sachs, der sich von der Literaturwissenschaft auf das Terrain zubewegt, führt gleich zwei große Dichtungen im Gepäck. Schillers Geisterseher und Shakespeares Sturm. Das Gefälle zwischen den hohen "Kathedergespenstern", wie er sie nennt, und der niederen Populärliteratur verliert in seinem Buch an Bedeutung. Am Beispiel der zwei Werke des Schulkanons stellt er die Spaltung zwischen Hoch-und Massenkultur infrage, welche die akademische Literaturwissenschaft noch lange Zeit nachvollzog. Den Hauptstrang bildet der Nachweis dessen, dass Schiller an einer Schreibhemmung litt und Shakespeare eine Vorliebe für inzestuöse Situationen zeigte. Diese Sicht wirkte für den am Geniegedanken orientierten Kulturbetrieb seiner Zeitgenossen sicher provokant, doch hebt sich das Buch weniger durch seine mittlerweile obsolet wirkende Interpretation der beiden Werke hervor als durch eine beiläufig eröffnete Nebenlinie.

Der Versuch, eine Psychoanalyse der Literatur zu entwerfen, führt Sachs in Bereiche, die zwischen Traum- und Wachdenken liegen. Ein aus der Traumwelt in das Wachdenken hineinragendes Phänomen stellt der Tagtraum dar, dessen Fantasien bei den Heranwachsenden das kindliche Spiel ablösen. Der Traum selbst erwies sich als wenig hilfreich, den Weg vom Unbewussten zum Kunstwerk zu klären. Er bedient sich in der Auffassung Freuds zwar literarischer Mittel wie der Verschiebung und Verdichtung, doch bleibt er streng asozial und sperrt sich durch seine Beziehung zu veränderten psychischen Prozessen während des Schlafs gegen eine Gleichsetzung mit dem literarischen Text. Sachs schlägt nun den Weg über den Tagtraum ein und hat einige Hürden zu überwinden, angesichts derer er mithilfe seiner Patienten auf folgenreiche Abwege gebracht wird.

Die jugendlichen Tagträumereien mögen zwar ganze Romanhandlungen enthalten, doch was ihnen abgeht, ist die jede Literatur kennzeichnende Formgebung. Die ausgedachten Geschichten, die weder Grauwerte noch poetische Effekte kennen, fallen streng egozentrisch aus. Um die Rolle des Tagtraums im psychischen Leben zu verdeutlichen und eine Brücke zur literarischen Form zu gewinnen, stellt Sachs eine kleine Typologie von Fallgeschichten aus der psychoanalytischen Praxis vor.

Einige seiner im Buch vorgetragenen Fallgeschichten führen ihn auf eine neue Spur, in der er die eingangs vorgeschlagene Fragestellungen, wie der Tagtraum zur Dichtung führt, verlässt und ein neues Terrain für die Beziehung von Psychoanalyse und Literatur entdeckt. Er stößt nicht auf die Regel, nach der sich Literatur aus der "normalen" Fantasietätigkeit ergibt, sondern umgekehrt auf den herausragenden Stellenwert, den die Literatur im seelischen Erleben des Lesers einnimmt. Ein junger Unteroffizier, den Sachs behandelte, lieferte ihm dazu die Anregungen. Obwohl aus proletarischem Milieu stammend, entwickelte dieser sich zum obsessiven Leser, versenkte sich als junger Mann in die Romane Tolstois und hatte eines Tages ein so einschneidendes Erlebnis mit einem Buch, dass er sich entschloss, einen Analytiker aufzusuchen. Es war die Lektüre von Gerhard Hauptmanns Hanneles Himmelfahrt gewesen, die eine toxische Wirkung auf den jungen Unteroffizier ausgeübt hatte. Die Literatur wurde, was ihre Wirkungen angeht, im psychischen Erleben des jungen Mannes der härtesten Droge ebenbürtig. Das Buch verursachte bei ihm einen psychischen Zusammenbruch, von dem er sich nie mehr ganz erholte.

Im Unterschied zu den unerbittlichen Weltverbesserern der Aufklärung, die um die Suchtwirkung der Lektüre wussten und ein Verbot von Leihbibliotheken als moralischen Bordellen und Giftbuden forderten, blieb der Analytiker gelassen. Im Laufe der Behandlung zeigte sich, warum die literarische Fiktion und das Seelenleben des Mannes eine solche katastrophische Verbindung eingegangen waren. Sachs verzichtete auf den moralischen Fingerzeig und die Lektüre-Diäten gleichermaßen. Vielmehr spielen sich psychoanalytische Erkenntnis und katastrophale Lektüreerlebnisse in die Hände.

War Sachs davon ausgegangen, einen Hinweis finden zu können, nach welchen Gesetzmäßigkeiten der Tagtraum in eine literarische Form umgewandelt wird, so war er zuletzt über die Leseerlebnisse seiner Patienten zu einer Frage gelangt, die die Philologie kaum zu stellen wagte: die Frage, warum wir überhaupt lesen. Auf die so einfache wie grundsätzliche Frage konnte er natürlich keine vollständige Antwort liefern. Er begnügte sich damit, die Auswirkungen des Lesens auf das psychische Erleben zu bemerken. Angeleitet von der unbändigen Lust an Büchern, sicherte er der Psychoanalyse einen Ort in einer Geschichte des Lesens, die auch die Lust an der Unlust kennt. []

Hanns Sachs, Gemeinsame Tagträume. Leipzig, Wien, Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1924.

(Der STANDARD Printausgabe vom 8./9.4.2001)

Lydia Marinelli, Historikerin und Kuratorin am Sigmund-Freud-Museum Wien, zurzeit Gastwissenschafterin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin.
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