Wie die Wasserreiter

2. Mai 2001, 15:04
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Wasser kommt aus dem Hahn. Ernst Strouhal wollte es genauer wissen und wanderte von Gloggnitz nach Kaiserbrunn am 1. Wiener Wasserleitungsweg

"Der Rucksack", stammelt R., der kurz vor Kaiserbrunn einen überraschenden Wortanfall hat, "der Rucksack, der wird leichter, wenn man, also je rascher man das Wasser trinkt und den Proviant isst; der Rucksack ja, aber was man, was man vorher am Rücken getragen hat, das ist jetzt im Körper, insgesamt also, zusammengerechnet, wird das Gewicht natürlich nicht, wird das natürlich nicht . . ." An der nächsten Spitzkehre verstummt R., niemand antwortet. Es nieselt, dann bei der Rechenbrücke wieder Sonne, dann nach vier Stunden Wanderung den ersten Wasserleitungsweg entlang Rast.

Hundert Meter unter uns blickt eine gespenstisch türkise Schwarza hinauf. Die Sprache kehrt wieder: "Also, es macht zwar nichts, es ist ein wunderschöner Nachmittag im Höllental, aber wir gehen in die falsche Richtung. Statt in Gloggnitz auszusteigen und von Gloggnitz nach Kaiserbrunn zu gehen, hätten wir zuerst mit der Bahn nach Reichenau und dann mit dem Bus nach Kaiserbrunn fahren, also von Kaiserbrunn nach Gloggnitz gehen sollen, was einen Unterschied macht, weil das Wasser in der Hochquell-Leitung fließt ja nicht von Gloggnitz nach Kaiserbrunn, sondern von Kaiserbrunn nach Gloggnitz. Das Wasser fließt - abwärts, wir gehen - aufwärts", sagt M. und betrachtet eine Wurzel zu ihren Füßen, wie nur M. eine Wurzel zu ihren Füßen betrachten kann. Ich weiß, ich bin kein guter Reiseführer.

Wir gehen weiter. Schuld hat natürlich der Kaiser, oder besser sein Leibarzt, ein gewisser Heräus. Dieser Molièresche Purgon überzeugte Karl VI. im Jahre 1732, dass das Wasser aus den Quellen am Schneeberg eine besondere, manche Schwäche vielleicht sogar heilende Wirkung hätte, worauf der gutgläubige Karl Befehl gab, das Wasser gleich fässerweise in die Hofburg zu verbringen. Die armen Wasserreiter (und ihre noch ärmeren Pferde) waren 60 Stunden mit den Fässern nach Wien unterwegs. Während das Kaiserhaus also aus dem Wasser war, herrschte unter der Bevölkerung Wasserknappheit. Der Großteil der Wiener versorgte sich aus Hausbrunnen. Der Bedarf war im Vergleich zur Gegenwart lächerlich, noch Mitte des 19. Jahrhunderts kam man mit kaum fünf Litern pro Tag aus. Heute werden dagegen rund 120 Liter benötigt. Laut Statistik verbrauchen Wiener und Wienerin im Tagesschnitt für ihre Körperpflege rund 40 Liter, etwa die gleiche Menge wird für Wäsche, Geschirr und Wohnungsreinigung aufgewendet, zum Trinken und Kochen sind sechs Liter nötig, den grandiosen Rest verschlingt die Toilette. Das ergibt einen jährlichen Gesamtbedarf der Stadt von 140 Mio. Kubikmetern, die regelmäßige Versorgung von Hunden, Katzen und Topfpflanzen inkludiert.

1864 fasste der Wiener Gemeinderat den Beschluss, eine Quellenleitung aus dem Rax-Schneeberg-Gebiet zu errichten. Wie es sich in dieser Stadt gehört, war drei Jahre zuvor eine Wasserversorgungskommission gebildet worden, Triebkraft der 1. Wiener Hochquellenleitung war aber der Wiener Geologe und Paläontologe Eduard Suess (1831-1914). Suess leitete die geologischen Untersuchungen der Karstgebiete der Rax und des Schneebergs. Das Regen- und Schmelzwasser sickert von der Oberfläche bis zu einer undurchdringlichen Schieferschicht ins Berginnere ein, wo es sich sammelt. Auf dem Weg durch das Bergmassiv reichert sich das Wasser so weit mit Mineralien an, dass sich am Ende jene Qualität ergibt, auf die die Wiener und Wienerinnen so stolz sind.

Ob es noch weit sei, fragt F., als wir die Straße bei der Abbrennbrücke entlang der Hochquell-Leitung queren. Nein, es ist nicht mehr weit. Es war schon nicht weit in Schlöglmühl, und auch in Payerbach war es nicht mehr weit. Lass mich weitererzählen, Kind: Suess' Plan jedenfalls war zu seiner Zeit durchaus umstritten. Vielen erschien es wahnwitzig, Quellwasser von so weit in die Großstadt an der Donau zu leiten, aber das Trinkwasser aus den Wiener Brunnen war mangelhaft, Typhus- und Choleraepidemien waren die Folge. Suess und die Kommission setzten sich schließlich durch. 1869 wurden die Bauarbeiten für die Leitung dem Londoner Unternehmer Anton Gabrielli übertragen. Nach nur vierjähriger Bauzeit wurde der Wasserbehälter am Rosenhügel erstmals gefüllt, ein verzweigtes Rohrnetz wurde geschaffen und die Quellenleitung mit der Inbetriebnahme des Hochstrahlbrunnens am Schwarzenbergplatz spektakulär eröffnet. Seitdem kommt das Wasser aus dem Wasserhahn.

Für seinen Weg benötigt das Quellwasser 16 Stunden. Durch einen gemauerten Kanal fließt es über zehn Aquädukte von Kaiserbrunn über Reichenau und Gloggnitz nach Bad Vöslau und dann über Mödling in einen der Reservebehälter nach Wien. Die Fließgeschwindigkeit ist gering, aber die Leitung kommt dafür ohne Pumpen aus. Die Schwerkraft erledigt den Job. Der Wanderweg an der 118 km langen historischen Trasse entlang ist nicht schwierig, am reizvollsten ist das Stück von Reichenau bis hinauf nach Kaiserbrunn. Vorbei an den berühmten Schlossanlagen (und dem Café Nöbauer mit den nicht weniger berühmten Torten) folgt der Weg zunächst dem Werkkanal einer Papierfabrik. Im Vorhof der Fabrik türmt sich das Altpapier in unendlich vielen farbigen Schichten zu einer bizarren Landschaft. Am Wehr bei der Raxseilbahn kurz nach Hirschwang biegt man nach rechts in den Wald ab. Zwischen Rechen- und Spannbrücke wird es schattig und steil und schön. Die Primeln, belehrt mich M. gütig, heißen hier übrigens Lungenkraut, die Veilchen, die ich entdecke, sind eher Leberblümchen.

Nach der schweigsamen Rast sind wir die letzten Meter gämsengleich über den Steig an der Schwarza hinaufgestürmt, um das kleine Wasserleitungsmuseum in Kaiserbrunn zu erreichen. Es entschädigt für die Mühen der letzten 18 Kilometer. Das Museum ist zwar - ich bin kein guter Reiseführer - geschlossen, aber auch im Garten finden sich ausreichend Belege der Wasserleitungskunst. Was sich aus der Ferne wie eine Gruppe futuristischer Gartenzwerge ausnimmt, erweist sich bei näherem Hinsehen als Hydranten-Sammlung. Hydrant, lernen wir, ist nicht gleich Hydrant. Der Garten erzählt ihre Kulturgeschichte vom pickelhäubigen Überflurhydrant aus 1910, dem Stadtbauamts-Hydrant, der in den 70er-Jahren das Wiener Stadtbild prägte und der älteren Hunden wohl noch heute im Traum erscheint, bis zum preisgekrönten Hydrant von Gratz und Böhm, der 1994 immerhin vom Industrieforum Hannover für sein Design ausgezeichnet wurde. Neben den Hydranten ein trotziges Stemmmuffenrohr, ein gepflegter Venturizähler und unübersehbar ein gewaltiger Armstrong-Schieber, der seine spezifische Funktion dem Laien aber nicht wirklich preisgibt.

Es wird Abend. Wir kehren ins Gasthaus ein, die Stimmung entspannt sich. Man nickt mir freundlich zu. Der Wirt informiert mich über die Abfahrtszeiten. Der nächste Bus zurück nach Reichenau geht Anfang Mai.

Wasserleitungsmuseum Kaiserbrunn, 1.5.-26.10. Sonn- und Feiertage 10-12 Uhr und für Gruppen nach Voranmeldung, Tel. 02666/52548.

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