Karrieren neu gedacht

2. November 2001, 09:51
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Personalberater beobachten Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt

"Bitte beantworten Sie die folgenden Fragen schriftlich: Wie hoch ist die Frauenquote im Management? In welcher Zeitspanne sind Karriere sprünge geplant? Wie sieht die Rückkehrmöglichkeit nach Auslandsaufenthalten aus?"

Der Kandidat stellt im Lauf der Bewerbung die Fragen, der Personalchef antwortet. Unmöglich? Keineswegs, meint Günther Tengel, Geschäftsführer und Partner von Managementconsulting Jenewein. Die Informationstechnologie, flachere Hierarchien und Outsourcing legen den Grundstein für einen Paradigmenwechsel, der grundlegende Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt nach sich ziehen wird. "Und wir stehen erst am Beginn", ist der Unternehmensberater überzeugt.

Individuelles ...

Karriere machen bedeute in Zukunft nicht mehr, Hierarchiestufen zu erklimmen, sondern die persönliche Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung haben Priorität, gleich ob in einem anderen Unternehmen oder in einer neuen Branche, konstatiert Peter Eblinger, Geschäftsführer der Managementberatung Eblinger & Partner, "es zählt die Individualität."
Projektorientiertes Arbeiten unterstütze den Trend zu kürzeren Beschäftigungsverhältnissen, denn Anforderungsprofile und gewünschte Qualifikationen wechselten sehr schnell. "Damit auch die Projektleiter", meint Peter Gusmits, Geschäftsführer der Neumann Managementberatung, "denn man kann nicht in allen Gebieten der Beste sein." "Schnelligkeit und Wechsel" prägen nach Ansicht von Tengel die moderne Arbeitswelt. "Die neue Generation er kennt ihre Chancen besser und ergreift diese - im Gegensatz zu früher - ohne Rücksicht auf Verluste oder Opportunismus." Zusätzlich sorgten Personalengpässe für eine weitgehende Emanzipation der Mitarbeiter und eine neue Rollenverteilung zwischen Arbeitgeber und -nehmer. "Der Kampf um gute Mitarbeiter wird dramatisch zunehmen", fährt Tengel fort, "eine Folge der sich rasch verändernden Markterfordernisse." Mitarbeiter entdecken neues Selbstbewusstsein und schrecken nicht mehr vor einem Unternehmenswechsel zurück, fügt Eblinger hinzu, denn "starre Firmenkorsette" und ein "Spannungsfeld zwischen Arbeitgeber und -nehmer", das der Paradigmen wechsel hinterlassen hat, sorgen für eine hohe Personalfluktuation. "Topleute lassen sich das nicht mehr gefallen."

... Lebenskunstwerk

"Der Karrierebegriff hat sich verändert", konstatiert Tengel, das berufliche Fortkommen sei nicht mehr der alles entscheidende Parameter. Vielmehr stehe nun das Gleichgewicht zwischen Familie, Freizeit und Arbeit, die sogenannte work-life-balance, im Mittelpunkt. "Die Top-Karriere wird auch in Zukunft nicht in der 45-Stundenwoche zu machen sein." Ein klarer Fokus und eine Lebensplanung, wie die individuelle Balance zwischen Beruf und Privatleben aussehen soll, seien damit wesentlicher denn je. "Lebenskunstwerk Karriere" nennt Tengel, was diese beiden Sphären einen soll. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 8.04.2001)

von Standard-Mitarbeiterin Verena Buzzi
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