Die "Tötet Haider"-Idioten

18. Mai 2001, 10:55
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Gewalt-Fantasien gegen rechts: Kein Grund zur Beunruhigung?

Ob es die Transparente nun gegeben hat oder nicht: Schon das bloße "Spielen" mit dem Gedanken an den Dolch im Gewande bedarf dringend einer "Demokratischen Offensive", meint Elisabeth Pechmann.

"Auch ich"-Sätze waren in Wien zuletzt hochmodern, also: Auch ich war auf dem Stephansplatz, als im Weichbild des Wahlkampfs gerade jene von der "Demokratitschen Offensive" einberufene Demonstration stattfand, bei der es angeblich "Tötet Haider"-Transparente gab. Auch ich habe sie nicht gesehen. Allerdings auch nicht die, auf denen laut Alexander Van der Bellen das weniger verfängliche, aber auffällig patschert klingende "Tötet Haiders böse Wortspiele" gestanden haben soll.

Egal. Vergleichbares wie "Widerstand - Haider, Schüssel an die Wand" ist verbrieft, außerdem gibt es Menschen, die ihrem Nachbarn bereits wegen eines lädierten Gartenzwerges den Tod wünschen. Daher gibt es wohl auch welche, die schon mit einem unnatürlichen Exitus des brachialen Bärentalers kokettiert haben.

"Mach's weg"?

Und jetzt lassen wir einmal die Plattitüde vom praktischen Unterschied zwischen kokettieren und durchführen außer Acht. Vertagen wir den akademischen Diskurs darüber, ob "Tötet Schüssel" als Bühnenzitat des Aktionskünstlers Christoph Schlingensief einen anderen Gehalt hat als "Tötet Haider" auf einem Kundgebungsmitbringsel. Streifen wir nur am Rande die Verantwortung, die Demo-Organisatoren selbstverständlich dafür zukommt, Gewalt und Gewaltparolen bestmöglich von ihrer Veranstaltung fern zu halten. Reden wir vom Kern. Der Idee, Haider zu töten.

Wunschvorstellungen vom Ableben eines/r anderen sind nichts Exotisches, sondern Standards der Seelenkunde. Sie haben es sogar schon zu Business-Ehren gebracht: Die Management-Trainerin Rotraud Perner reiht regelmäßig auftretende Phantasien vom Tod eines problematischen Kollegen oder Vorgesetzten nüchtern in die Liste möglicher Burn-out-Syndrome. Und Autor Josef Haslinger beschreibt in seinem jüngsten Buch "Vaterspiel", wie aus der Flucht eines Frustrierten in den fiktiven Kill ein blühendes Geschäft wird.

Verzweiflung über die andauernden abartigen Absonderungen des Kärntner Landeshauptmannes - von A wie Ariel bis Z wie Zuwanderer -, der Wunsch, seine menschenverachtenden "Scherze", seine demagogisch-manipulativen Spiele mit der Wahrheit nie, nie wieder hören zu wollen, sind wohl auch ausreichend stark als Motiv. Doch mit der konkreten Umsetzung begäbe man sich auf das Niveau eines Dreijährigen, der im Ameisenhaufen steht und "mach's weg" brüllt.

Die Welt und ihre Geschichte sind übrigens voll von solchen mental Dreijährigen. Meist sind sie erstklassige Macht-Architekten und von so hoher rationaler Intelligenz, dass sie dabei als klug durchgehen. So ganz nebenbei: In der überwiegenden Mehrheit sind sie männlich. Sie heißen Diktatoren und machen ihre politischen Gegner weg. Manchmal nennen sie sich auch Befreier und morden für die Guten. Mit Demokratie und Ethik hat allerdings weder das eine noch das andere zu tun.

Aber es wäre doch so verführerisch, dieses Österreich vergiftende Geeifere & Gegeifere, dieses Dreck-am-Stecken-Nestbeschmutz-Sozialschmarotzer-Gebrüll ein für alle Mal . . . nein. Verführerisch wäre allein die Vorstellung, dass es nicht mehr ankommt.

Wer sich in unseren Breiten für Humanität und eine reife Gesellschaft stark macht, hat "töten" aus dem Aktionsrepertoire zu streichen. Inklusive dem Nur-einmal-theoretisch-Durchspielen. Selbst wenn es sich beim fraglichen Andersdenkenden um ein Muster an Unfairness handelt.

Wer das nicht tut und sich der Idee einer "Demokratischen Offensive" nahe fühlt, macht sich erstens ideologisch lächerlich. Und zweitens geistig schuldig.

Elisabeth Pechmann ist Chefredakteurin der Zeitschrift "Alles Auto" und lebt in Wien.

26. März 2001
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