Reden über Thomas Bernhard

11. November 2001, 23:29
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Schriftsteller Grond und Literaturwissenschafter Zeyringer: Ein kontroverses Gespräch über Bernhard

Der Schriftsteller Walter Grond und der Literaturwissenschafter Klaus Zeyringer trafen sich (im März 2001, Anm.) zu einem kontroversen Gespräch über Bernhard, in dem es um das "andere" Österreich, die "Verächtlichmachung des Realismus" und die "Ästhetisierung der Politik" geht. Ein Protokoll.


Klaus Zeyringer: Über Thomas Bernhard wurde oft behauptet, dass - viel stärker als bei anderen - die Wirkung ein Teil seines Werkes sei. Somit scheint es mir von besonderem Interesse, in welchem Zusammenhang diese Rezeption mit politisch-gesellschaftlichen Phänomenen, Diskursstrategien und Kanonmechanismen steht. Schematisch gesehen: Bernhard fungiert als Hoher Priester in einem Diskurs der Lobpreisung, von dem Bourdieu gemeint hat, dass er der Analyse äußerst abträglich sei. Zudem finden sich durch Bernhards Literatur und ihre Rezeption bestimmte Diskursleisten angespielt und bedient. Seine Texte, die laut Erich Hackl "eine Form der unlauteren Verächtlichmachung perfektioniert" haben, vermögen etwa eine Schimpftirade der Herabwürdigung salonfähig zu machen.

Walter Grond: Ich erinnere mich, dass in der Zeit kurz vor Bernhards Tod unter Autoren viel gerätselt wurde, ob durch die Bernhardsche Strategie der Ästhetisierung von Politik denn so etwas wie eine politische Ästhetik in Österreich überhaupt noch möglich sei.

Zeyringer: Was ist denn gemeint, wenn von "Ästhetisierung von Politik durch Bernhard" die Rede ist?

Grond: Bernhard selbst hat ja ständig darauf hingewiesen, dass das, was er tut, einen Kunstraum schafft. Zu diesem Gesamtkunstwerk gehörten die Texte genauso wie die Auftritte als Kunstperson, und letztlich auch das exzessive Mitinszenieren seiner Wirkung, das geschickte Einfädeln von Skandalen. Die Figur des Übertreibungskünstlers, der in einer Mischung aus Selbstgeißelung und Geißelung der anderen alle Realität zur Kunstrealität erklärt, führt ja jede pragmatische, realpolitische Weltsicht ad absurdum. Wer nach Bernhard noch kritisiert, tut dies, um ästhetisch zu sein. Man sagt grausliche Dinge, weil das schön ist.

Zeyringer: Zudem hat Erich Hackl kürzlich in der Zeitschrift "Literatur und Kritik" gemeint, dass Bernhard der österreichischen Gesellschaft "für alle Ewigkeit eine naturgegebene, also geschichtslose Identität" zugeschrieben habe: Er beklage hier politisch-gesellschaftliche Situationen, biete aber keine Veränderung dieser Identität an bzw. bedeute, dass sich diese Identität nicht verändern werde. Also: Die Österreicher sind zu einem sehr großen Teil a) Faschisten, b) Nazis, c) Katholiken, d) Sozialdemokraten, und alles ist gleich furchtbar.

Grond: Zum einen hat man ja in den Achtzigerjahren Bernhard zu Recht vorgeworfen, dass durch sein ontologisches Gerede des "Naturgemäß" ein politisches Subjekt in seiner Konzeption von Welt verunmöglicht ist; wenn alle "naturgemäß" Faschisten und nationalsozialistische Katholiken sind, ist es in Wirklichkeit auch niemand mehr, weil keine Täter und keine Opfer mehr festmachbar sind. Zum anderen arbeitet Bernhard mit Figuren, die über ihr Stammtisch-Bewusstsein nicht hinauskommen wollen und scheint das auch zu genießen. Bernhard hat mit Stolz darauf hingewiesen, dass er seine Geschichten aus der Kronen Zeitung beziehe. Auch fand er seine Seitenhiebe gegen Musil und dessen angebliche Verbildetheit sehr chic. Im Grund haben die Bernhardschen Provokationen das durchschnittliche Stammtischniveau nie überschritten.

Zeyringer: Vor einigen Jahren hat Michael Scharang behauptet, dass Leser, die in der Literatur zu Bernhard fliehen, in der Politik ihr Heil in autoritären Tendenzen suchen. Diesen Satz findet Erich Hackl "bedenkenswert", selbst wenn er nicht richtig sei. Es gebe nämlich tatsächlich "ein Beziehungsgeflecht, das Bernhard und Haider einschließt". Der Diskurs der Sakralisierung mag eben auch dazu führen, dass hinter diesen Lobpreisungen autoritäre Strukturen verdeckt werden. Durch eine Demagogie der Simplifizierung entsteht zudem eine Nähe des Kritikers zum Kritisierten. Die Literatur von Bernhard und seine Sprechweise sind von unzähligen "Nachfolgern" geradezu als Patent weitergeführt worden, sodass sich damit nicht zuletzt ein bipolares Denken gefördert fand: Dabei erscheint als folgerichtige Antwort auf eine Sache sofort deren vorgebliches Gegenteil. Diese Redeweise trägt möglicherweise auch dazu bei, dass in der jetzigen politischen Situation "Widerstand" als Automatismus oder als Fassade auftreten kann. Als Reaktion auf das "eine" Österreich wird schnell ein "anderes" behauptet.

Grond: Gerade mit der Behauptung eines "anderen Österreich", wie es heute zu hören ist, widerlegt sich der Anspruch, dass ein Werk wie jenes von Bernhard "Wahrheiten" aufsprenge. Indem im Namen Bernhards ein "anderes Österreich" ausgerufen werden kann, zeigt sich ja das Kirchenhafte solcher Widerstandpose. Mich würde interessieren, ob in der Konstruktion eines "anderen Österreich" als das radikal künstlerische, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen wurde, nicht schon das Aufklärungsfeindliche der österreichischen Literatur und Kunst angelegt war. Die Vertreibung der Vernunft gehört zum guten Ton. Kritische Distanz hat keinen Platz. Während in Deutschland und Frankreich die Studentenrevolte die gesellschaftliche Realität erschütterte, gab es in Österreich diesen "Anstatt-Diskurs" im Künstlerischen: Selbstgeißelungen von Künstlern in guter katholischer Tradition einerseits und andererseits die kühne Behauptung, in der Kunst verberge sich schon an sich eine Alternative zur schlimmen Außenwelt. Kunstreligion ging mit Modernismus Hand in Hand, und so nimmt es nicht wunder, dass es in Österreich von Säulenheiligen und Priestern der Kunst nur so wimmelt.

Zeyringer: Insofern ist die Bernhard-Rezeption - nicht nur in Österreich, sondern auch in Frankreich - eine Art Ausläufer oder Weiterführung dieser Mechanismen. Die Verve, mit der "Avantgarde" in den Sechziger-, Siebzigerjahren als Kritik gegen "das Reaktionäre" ausgestellt wurde, erwies sich ja auf Dauer als Fassade. Mit der erfolgreichen Etablierung in den mittleren Siebzigern hat sich nicht selten als "Diskurs der Kritik" getarnt, was zu allererst eine Strategie der Etablierung und Erhaltung symbolischer Macht war: Die entsprechenden Gründungsmythen, Sakralisierungen und Selbsthistorisierungen zeichnen im Nachhinein nahtlose Traditionslinien, etwa von der Wiener Gruppe bis Bernhard.

Grond: Avantgardisten beherrschen das Handwerk der Geschichtsklitterung wie kaum jemand sonst. Ihnen fehlt jede Hemmung, sie lügen, dass sich die Balken biegen. Und fühlt man sich einmal beim Lügen ertappt, verunglimpft man den Kritiker als uninspirierte Person. Man müsste fragen: Welchen realgesellschaftlichen Hintergrund hatte Thomas Bernhard? Und warum konnte etwa Elfriede Jelinek so leicht Bernhards Inszenierung mit ihrer eigenen Ästhetik verbinden?

Zeyringer: Vordergründig geht es weniger um Inhalte: Die Rede in Bernhards Texten ist geprägt von Widersprüchlichkeiten. Diese Bipolarisierung lässt sich für verschiedene Zwecke, in unterschiedlichen Situationen sehr schnell, automatisch einsetzen - ebenso wie der automatische Schrei "Faschist" oder "Widerstand", sobald irgendetwas passiert, das als reaktionär eingestuft wird. Der Schreier, der Gehör findet, bestimmt, was als reaktionär gilt; und wer stärker übertreibt, wird eher gehört. Diese Redeweisen werden nun mit bestimmten Inhalten verknüpft, etwa mit der Behauptung des "einen" und des "anderen" Österreich. So ersteht ein System der strikten Bipolarität, in dem leicht erkennbar auf der einen Seite die Bösen stehen und auf der anderen die Guten. Es genügt, "naturgemäß" zu sagen ...

Grond: Die Vereinnahmung der Bernhardschen Ästhetik durch das "andere Österreich" empfinde ich als ein bloßes Medienspektakel. Die Traditionslinien passen ja nicht einmal zusammen. Während die Selbstzerfleischungsstrategie der Wiener Aktionisten die Erweiterung künstlerischer Ausdrucksmittel gemeint hatte, hatten die frühe Jelinek oder der frühe Turrini auf politische Aktion abgezielt. Bernhard hingegen war ein typischer ÖVP-Mann. Seine Ansichten und sein Lebensstil waren äußerst konservativ. Wie ein kleines Teufelchen stand er am Wiener Graben vor dem noblen Geschäft für Jagdausstattung, in einem teuren Jägergewand, mit Hut und Gamsbart, das machte ihm Spaß. Da stand er nun am Wiener Graben und sprang stolz wie das Rumpelstilzchen der österreichischen Dichtung, freute sich über sein teuflisches Werk und ging dann in das teuerste Hotel und trieb Konversation mit alten Baronessen. Das geist- und kunstfeindliche Leben, das er geißelte, gehörte zu dem, was er mochte: In einem geschickten Spiel hat er das verdeckt und doch offen inszeniert. Kaum ein Dichter war so medienpräsent und hat sein Privatleben so scheinbar verdeckt und doch ausgestellt: ein Haus, das mit seinem ganzen Kitsch den Comtessen im Hotel Ambassador gehören hätte können ...

Zeyringer: Er eignet sich eben deswegen ausgezeichnet zum Hohen Priester: Erstens konnte er eine Art von Geheimnis darstellen, ...

Grond: ... aber über keinen Autor ist so viel bekannt wie über ihn! ...

Zeyringer: ... zweitens seine Unabhängigkeit ausstellen, mit seiner Krankheit im Hintergrund. Ein wesentliches Moment im Sakralisierungsprozess von Bernhard ist ja nicht zufällig die Staatspreisrede: Menschen, die dem Tod näher scheinen, ihn provokant ansprechen, passen gut in die Rolle des Hohen Priesters. Dazu gehört drittens eine entsprechende Kleidung, in diesem Fall ein Diskursgewand, das leicht erkennbar ist. Die Rezeption in Frankreich verdeutlicht schließlich viertens, wie die Anerkennung im Ausland eine breitere Sakralisierung unterstützen kann. Die französischen Exegeten propagieren die Literatur von Bernhard meist als eine "innere Wahrheit", und bisweilen findet sie sich geradezu psychotherapeutisch eingesetzt. Die ist dadurch erleichtert, dass diese "innere Wahrheit" mit ihren Scheußlichkeiten anderswo fixiert ist: Frankreich kommt da nie ins Spiel; das Böse passiert in einem anderen Land, sodass man sich selbst risikolos reinigen kann. Außerdem funktioniert das hier so gut, weil der intellektuelle Pariser Salon hintergründig auf sehr autoritäre Art und zentralistisch abläuft: Ein solcher Diskurs kann sich in verdeckt autoritären Strukturen schneller weiterverbreiten. Und schließlich ließen sich in Frankreich damit auch gängige Österreich-Klischees kontern, mit denen es nicht nur die Fremdenverkehrswerbung so penetrant trieb. Die "Durchschnittsfranzosen" sind auf Sissi-Bilder abgefahren, während nun die Intellektuellen auf Bernhard-Bilder setzen.

Grond: Ich finde ja in diesem Zusammenhang interessant, dass der Gründungsmythos des "negativen Staatskünstlertums" österreichischer Provenienz die "Verfolgung Bernhards" durch österreichische Politiker in den Sechzigerjahren ist. Der berühmte Staatspreisskandal um diesen Herrn Piffl-Percevic, der Bernhard so verächtlich behandelt hat, ist der Startschuss zu einer Konstruktion, die paradoxe Wirkung zeitigt: Durch die radikale Geißelung der Verhältnisse in Österreich kann von da an jemand ein "negativer Staatskünstler" werden. Ich habe in dieser Hinsicht letztes Jahr bei einem Symposium in den USA Haarsträubendes erlebt. Eine Germanistin erzählte der amerikanischen Öffentlichkeit, Dichter wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek würden vom Markt gegen die Unterdrückung des Staates durchgesetzt. Bernhard und Jelinek wären vom staatlichen Kunstbetrieb ausgetilgt worden, hätte nicht der Markt sie vor dem Vergessen gerettet. Ich sagte, das stimme nicht. Gerade Autoren mit hermetischen Schreibweisen lieferten doch keine marktfähigen Produkte ab. Der Kapitalismus sei es doch, der Autoren wie Bernhard und Jelinek nicht aufkommen lasse, bestünde da nicht das politische Interesse an ihrem negativen Staatskünstlertum. Beide bezögen doch ihre Berühmtheit nicht unwesentlich aus der Tatsache, dass es in Österreich das Burgtheater gibt, ein durch und durch staatlich subventioniertes Institut, das den Kritikern des Staates die große Bühne und den Zugang zu den Medien biete. Mein Einwand wurde stillschweigend übergangen, und am nächsten Tag im nächsten Vortrag wurde derselbe Mythos ungebrochen erneut erzählt: Autoren wie Bernhard und Jelinek seien vom Markt gegen die Unterdrückung des österreichischen Staates durchgesetzt worden. Ich frage mich, ob nicht dieses Gerede des "Übertreibungskünstlers", seine Strategie jeglicher Enthemmung des Sprachgebrauchs, von radikalen Politikern wie Haider kopiert worden sind. Ob nicht Haider und seine Leute auf diese Enthemmung des Sprachgebrauchs Bezug nehmen, dies für ihre Zwecke verwenden. Das spricht Bernhard keineswegs schuldig. Aber es ermöglichte andere Antworten. Es ließe sich zum Beispiel vermuten, dass die spezifische Dumpfheit der österreichischen Debatte daher rührt, dass man im Land an die schamlosen Reden und ihre nachfolgende Relativierung gewöhnt ist.

Zeyringer: Man kann das aber auch so sehen, dass man die Literatur Bernhards nicht für das verantwortlich machen kann, was dann mit ihr geschehen ist. Wenn man allerdings behauptet, dass die Wirkung als Teil des Werkes angelegt ist, sieht die Sachlage anders aus. Dies wäre genauer zu analysieren. In einem Text wie "Auslöschung" ist die Quintessenz, dass es äußerst vielschichtige Möglichkeiten des Denkens gibt, die wahr wie auch unwahr sein und auch wieder zurückgenommen werden können. Diese Vorgangsweise ist tatsächlich im aktuellen politischen Diskurs nicht unüblich. Doch spielt Bernhard verschiedene Möglichkeiten aus, wobei die Übertreibung durchaus als Kunstmittel und Möglichkeit erscheint, dieser wirren Welt irgendwie schreibend Herr zu werden - wie es bei Dürrenmatt hieß: Unserer Welt kommt nur mehr die Komödie bei, die Übertreibung als Komödienmittel. Jedenfalls ist Bernhards Literatur wesentlich komplexer als diese Bipolaritätsstrategie des "anderen Österreich"; da gibt es das Gute und das Böse nicht ungebrochen, das changiert ja. Die Rezeption könnte also auch im Gegensatz zu dem stehen, was Bernhard in seinen Texten angelegt hat. Wenn da eine französische Schriftstellerin, die in Bernhard das "andere Österreich" zu finden meint, behauptet: Was sie von ihm gelernt habe, sei, dass endlich einer die Wahrheit sage - dann hat sie von Bernhard wenig verstanden. Da suchen sich Intellektuelle einen Ausweg aus ihrer schwierigen psychischen Situation mittels einer Projektion, über die Texte Bernhards, und besetzen diese also jedenfalls positiv. Dann wollen sie das negative Bild sehen, fahren von Paris nach Österreich, steigen in Wien aus und glauben, da muss die Hölle sein, da sind sechs Millionen Nazis, da muss die SA marschieren.

Grond: Wir sind uns darin einig, dass Bernhard instrumentalisiert wird und in den letzten Jahren regelrecht enteignet worden ist, nicht nur was seine Testamentswünsche betrifft. Tatsächlich kann offenbar jeder in Bernhard hineinlesen, was er will. Andererseits ist dieser Wunsch sehr vieler Autoren evident, sich sofort in eine Tradition radikaler Antigesellschaftlichkeit zu stellen. Man müsste sich fragen, ob das Bernhardsche Konzept der Übertreibungskunst und des enthemmten Sprachgebrauchs sich nicht eben besonders dazu eignet, enteignet zu werden. Die Verächtlichmachung jedes Realismus und jedes Zweifels am eigenen Tun, das ist doch bei Bernhard gut aufgehoben.

Beim wiedergegebenen Text handelt es sich um eine gekürzte Fassung eines im Mai in der "Revue d'Esthétique" (Paris) erschienenen Gesprächs.
Klaus Zeyringer ist Germanistikprofessor an der Universität Angers in Frankreich.
Walter Grond ist Schriftsteller, er lebt in Aggsbach Dorf/Wachau. Im August 2001 erschien beim Haymon-Verlag sein Band "Gipfelstürmer und Flachlandgeher".

(DER STANDARD/ALBUM, Print-Ausgabe, 24./25. 3. 2001)

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