Domingo Cavallo, Wunderheiler für Argentiniens Wirtschaft

22. März 2001, 19:51
Während der russischen Schuldenkrise im Jahr 1998 wurde er von den Behörden in Moskau "Zar der Wirtschaft" genannt und zu Hilfe gerufen. Nun muss Domingo Cavallo (54) - seit Dienstag zum zweiten Mal Wirtschaftsminister Argentiniens - wiederum den "Retter der Nation" spielen. Diesmal allerdings in seiner Heimat, und das nicht zum ersten Mal.

Im Jahr 1982 wurde der in Harvard promovierte Ökonom von den damaligen Militärmachthabern zu Hilfe gerufen, um als Präsident der Zentralbank gegen die hohe private Auslandsschuld vorzugehen. Das Resultat seines Plans jener Zeit spüren die Argentinier noch heute: Cavallo erfand einen komplexen Mechanismus, der im Endeffekt die Verstaatlichung von Milliarden Dollar privater Auslandsschuld bedeutete. Das war gleichzeitig der Beginn der Schuldenkrise Argentiniens. Heute beträgt die Auslandsschuld mehr als 160 Milliarden Dollar, für die jährlich elf Milliarden an Zinsen bezahlt werden müssen.

Im Jahr 1991 berief ihn der damalige argentinische Präsident Carlos Menem in die Regierung, als dieser es nach einem Jahr Amtszeit nicht zustande brachte, eine vierstellige Hyperinflation zu beenden. Cavallo, der schnell den Beinamen "Superminister" bekam, hatte wieder ein Wunderrezept auf Lager: die Konvertibilität. Die schwer angeschlagene argentinische Währung, der Austral, wurde durch den Peso ersetzt. Dieser wurde eins zu eins an den Dollar gekoppelt und jeder Peso mit einem Dollar gedeckt. Innerhalb einiger Monate sank die Inflation auf einen einstelligen Wert und betrug im Jahr 1996, als Cavallo wegen politischer und persönlicher Differenzen mit Menem sein Amt im Zorn verließ, weniger als 0,5 Prozent.

Die Wirtschaft wuchs in den 90er-Jahren durch Cavallos Reformen im Schnitt um mehr als sechs Prozent, doch auch dafür war der Preis neuerlich sehr hoch. Der Peso ist notorisch überbewertet, was nach der Privatisierung und Schließung von großen Teilen der nationalen Industrie heute eine schwere, fast unüberwindbare Bürde für die argentinische Wirtschaft bedeutet. Die Arbeitslosigkeit schnellte unter Cavallo in die Höhe und liegt gegenwärtig bei 15 Prozent. Die Unterbeschäftigung ist noch höher, und mehr als 30 Prozent der Argentinier leben unter der Armutsgrenze. Tendenz steigend.

Und trotzdem gilt Cavallo in Argentinien als der Einzige, der imstande ist, mit der derzeit so dramatischen Lage fertig zu werden. Das internationale Finanzestablishment schätzt die Impulsivität und Aggressivität, mit der er Probleme angeht. Doch vor wenigen Tagen warnte ein hoher Beamter des Internationalen Währungsfonds bei einer Konferenz in Santiago de Chile: "Noch hat niemand in den letzten 2000 Jahren Wunder vollbracht." (Jordi Kuhs, DER STANDARD, Printausgabe 23.3.2001)

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    grafik: derstandard
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