Länger leben durch Stress

20. März 2001, 21:59

Strahlen und Gifte können wider Erwarten den Prozess des Alterns bremsen

London - Dass der Lebensstil über die Lebenserwartung entscheidet, hofft jeder, der auf eine gesunde Ernährung in einer stressarmen Umwelt setzt und tunlichst alle "Gifte" meidet, von extremen Temperaturen über legale und illegale Drogen bis hin zu radioaktiver Strahlung. Aber einige Forscher sehen gerade in diesen "Giften" - in Maßen verabreicht - den Schlüssel zum längeren Leben.

Und zumindest bei Hefe, Fadenwürmern und Fruchtfliegen gibt es dafür auch Belege. Setzt man etwa die üblichen Laborwürmer - Caenorhabditis elegans - im frühen Alter kurz starker Hitze aus, erhöht sich ihre Lebensdauer. Dasselbe gilt bei Fruchtfliegen und Hefe, wenn man sie schwach radioaktiv bestrahlt. Und bis hinauf zu Mäusen wirkt ein anderer lebensverlängernder Stress: Mangelernährung. Das liegt zum Teil an "Chaperonen" oder "Hitzeschock-Proteinen" (HSPs), die Körper verstärkt produzieren, wenn ihre Proteine Schaden nehmen, sei es durch Hitze, Strahlung oder "freie Radikale", hoch aggressive Moleküle.

Dann eilen die HSPs den bedrohten Proteinen zu Hilfe und reparieren sie. Und diese Abwehr von Umweltstress muss für manche Forscher ebenso trainiert werden wie das ganz andere System der Immunabwehr. Bei Letzterem häufen sich die Hinweise darauf, dass Überhygiene in früher Kindheit - wenn die Kleinen nicht im Schmutz spielen dürfen - für die explodierenden Asthmaraten verantwortlich ist, weil das Immunsystem sich nicht mehr in die Abwehr einarbeiten kann.

Ebenso könnte man die "Gifte" bzw. den durch sie verursachten Stress brauchen, um die Reparaturmechanismen - neben den HSPs vor allem Antioxidantien, die die freien Radikale wegfangen - in Schwung zu halten. Dieses Konzept der "Hormese" findet einige Bestätigung am Menschen ausgerechnet bei einem Hauptschrecken, der niederen radioaktiven Strahlung. Studien an Arbeitern in der Atomindustrie und an Bergbewohnern - dort ist die natürliche Strahlung höher - deuten auf längeres Leben und geringere Krebsraten und haben einen Forscher schon zu der Empfehlung gebracht, "Radionuklide als Nahrungsmittelzusätze" zu verwenden.

So weit gehen wenige, aber die US-Umweltbehörde EPA hat eine Studie über schwache Strahlung am Laufen. Und an manchen Kliniken wird vor harter Strahlentherapie schwach bestrahlt, um die Abwehr zu stärken. Dasselbe kennt man von Kurorten wie Bad Gastein, wo die Gäste in Stollen mit einiger Hitze und schwacher Radonstrahlung gestärkt werden. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 3. 2001)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.