Die Geheimnisse tibetischer Baukunst

22. März 2001, 01:11

Mittels Computer ergründet ein Architekturprofessor die Gestaltungsprinzipien buddhistischer Tempel

Inmitten der Mauern einer längst verfallenen Bergfestung erhebt sich über einer Felskante in Ladakh der Tempel von Wanla. Rau und brüchig bedeckt der ziegelfarbig-weiß gestreifte Verputz in dicker Schicht die 700 Jahre alten Wände. Das gestufte Flachdach droht in hohen Verwerfungen zu bersten. Nur mehr erahnen lässt sich der einstige Glanz der nach höchsten Regeln buddhistischer Baukunst in 3200 Meter Seehöhe errichteten Palastkapelle.

Im Computersystem der Technischen Universität Graz hat nun der Architekturprofessor und Denkmalpflegeexperte Holger Neuwirth das Bauwerk in seiner ursprünglichen klaren Form wieder erstehen lassen (www.baukunst.tu-graz.ac.at/ ~neuwirth/neuweb/forschung/ ladakhwanla/wanla1.html). Auf dem Bildschirm vermag er die Struktur in jede erdenkliche Perspektive zu drehen und in ihre Bestandteile zu zerlegen. In Zukunft soll es für Betrachter möglich werden, in das Innere des virtuellen Tempels vorzudringen und die verschiedenen Bauperioden nachzuvollziehen. Sogar die heute noch rußgeschwärzten Malereien des Originals sollen dann in voller Farbenpracht an den digitalen Wänden erstrahlen.

Was auf den ersten Blick als ästhetische Spielerei erscheint, ist das Ergebnis beinharter Forschungsarbeit und dient der Entwicklung technischen Know-hows für eine systematische Bestandsaufnahme der zahlreichen Sakralbauten Westtibets. Für die wertvollsten Monumente aus diesem Teil des Weltkulturerbes, der heute einem rasanten Verfall preisgegeben ist, soll mittels digitaler Dokumentation die Rekonstruierbarkeit gesichert werden. Jene Bauten, die nicht mehr gerettet werden können, bleiben so zumindest in elektronischer Form erhalten.

Wie bei einem Indizienprozess

Finanziert und koordiniert wird das Projekt unter dem Forschungsschwerpunkt Westlicher Himalaya des österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF). Die Architektur und Denkmalpflege der TU Graz geht damit der Kunstgeschichte und Tibetologie der Universität Wien zur Hand.

Der Arbeitsaufwand ist beträchtlich. Im Fall des sieben mal sieben Meter kleinen Tempels von Wanla bedeutete er für Holger Neuwirth eine Woche Vermessung und Fotografie an Ort und Stelle und sodann drei Monate Arbeit daheim an der Uni, um die Pläne zu digitalisieren und die Daten zu verarbeiten. Doch die Mühe lohnt sich. Mit traditionellen Methoden müssten unzählige Pläne aus den unterschiedlichsten Perspektiven gezeichnet werden. Die Computerdaten aber sind per Mausklick beliebig kombinierbar. Dass nur korrekte Daten über einzelne Bauphasen, Zu- und Anbauten in die Simulation gelangen, garantiert die Synergie zwischen Architektur, Kunstgeschichte und Tibetologie. "Wir stehen gemeinsam vor einem Objekt", beschreibt Neuwirth seine Arbeit mit dem Wiener Tibetologen Christian Luczanits, "und interpretieren wie bei einem Indizienprozess: Verläuft hier eine Baunaht? Warum gibt es dort Malreste? Aus welcher Zeit stammen die? Was sagt die Inschrift?"

Die architektonischen Gestaltungsprinzipien eines Tempels lassen in der Regel das dem Bau zugrunde liegende spirituelle Programm erkennen. Aus der Analyse einer Vielzahl von Tempeln erhoffen sich die Forscher Hinweise, auf welchen Wegen die unterschiedlichen Schulen aus Indien in den tibetischen Raum vorgerückt sein könnten.

Bewusst um das Mandala konstruiert

Bislang haben die Österreicher elf Tempel aus der Tradition des Übersetzers Rinchen Sangpo untersucht, die sich seit der ersten Jahrtausendwende ausbreitete. Wanla ist einer davon. Neuwirth und Luczanits meinen, dem Gestaltungsprinzip des bis heute rituell genutzten Bauwerks auf die Spur gekommen zu sein: Die Formenanalyse mittels Computer legt nahe, dass der Tempel bewusst um das Mandala - das kosmische Prinzip - des Kubus herum konstruiert wurde. Der Würfel verkörpert in der universellen Sprache sakraler Baukunst die edelste - die himmlische - Proportion. Somit könnte es sein, dass Wanla eine Sonderstellung in der Hierarchie tibetischer Kultstätten einnahm.

Für die Restauration dieses Kunstwerks scheint gesorgt. Ein Schweizer Sponsor ist gefunden. Bald könnten die Arbeiten beginnen: Zunächst muss das vom Regen stark beschädigte Gebäude - die damalige Bautechnik war an ein regenärmeres Klima angepasst - architektonisch gesichert werden, "damit beim Entfernen des Rußes nicht die Malereien mitsamt dem Putz herunterfallen", sagt Luczanits.

Kulminieren soll das Tibet-Denkmalschutzprojekt in Tholing, dem Stammkloster des tibetischen Buddhismus. Die Anlage ist von akutem Verfall bedroht, und alle bis dahin gesammelten Erfahrungen werden zu ihrer Rettung dringend benötigt. Einst war Tholing das Zentrum des Königreichs Westtibet, das im 11. Jahrhundert als Schutzmacht der Handelswege von Indien nach China kurzzeitig sagenhaften Reichtum erwarb.

In Europa werden die Erkenntnisse aus Tibet helfen, das Verständnis der mittelalterlichen Dombaukunst wieder zu beleben, sagt Professor Neuwirth. Auch Kathedralen sind Mandala-Bauten mit Gestaltungsmustern, die auf Jahrtausende alten geometrischen Erfahrungswerten beruhen. Doch während das mündlich tradierte mittelalterliche Bauhüttenwissen verloren gegangen ist, gibt es in Tibet schriftliche Anleitungen für den Tempelbau.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 3. 2001)

Von
Johanna Geissler

  • Artikelbild
    foto: baukunst.tu-graz.ac.at
Share if you care.