Antwort auf McGuggenheim

15. August 2001, 02:51
posten

Kunst in Zeiten des Populismus - Chantal Mouffe, französische Soziologin und Politologin, im Interview

Wien - Die westliche Demokratie lege zu viel Emphase auf den Konsens. Das führe zur (politischen) Apathie und bilde den Nährboden für extreme Richtungen, meinte Chantal Mouffe bei ihrem Vortrag Freitagnachmittag im Rahmen der ersten Documenta-Plattform Democracy Unrealized (Demokratie als unvollendeter Prozess) in der Akademie der bildenden Künste in Wien.

Die in Paris beheimatete Sozial- und Politikwissenschafterin publizierte unter anderem The Return of the Political sowie Hegemony and Socialist Strategy (1985, mit Ernesto Laclau), das Buch, das sie international bekannt machte. In Dimensions of Radical Democracy. Pluralism, citizenship, community tritt Mouffe für eine pluralistische Form der Demokratie ein.

In Wien nannte sie dies auch "Konsens mit Konflikten", wobei der Antagonismus von "Gegnern" in "Gegenspieler" und damit, in Mouffes Worten, einen "Agonismus" umgewandelt werde. Mouffe, gute Kennerin und Analystin der österreichischen Polit-Szene, warnte auch davor, dass heute moralische Kategorien wie die Menschenrechte als Ersatz für einen soziopolitischen Diskurs dienen.

Mouffe: Wenn auf der moralischen Ebene operiert wird, kann man diesen Argumenten nichts entgegensetzen. Kürzlich gab es zum Beispiel einen Fall in England, wo eine Künstlerin die Fotos ihrer nackten Kinder in der Saatchi Collection ausstellte. Das alles wurde dann in Richtung Kindesmissbrauch gerückt. Hier sehe ich eine neue Form der Unterdrückung: Im Namen der Rechte und des Schutzes der Kinder wird hier Repression - wenn Sie wollen: Zensur - verübt. Dann müssten wir jedes Heiligenbild wegsperren, wo die barbusige Maria mit dem nackten Jesusknaben zu sehen ist! [Näheres dazu in einem Artikel der Vorwoche, Anm.]

STANDARD: Finden Sie diese Demokratie-Diskussionen im Rahmen des erweiterten Kunstkontextes als sinnvoll?

Mouffe: Unbedingt, da Kunst jenseits von Fragen des Erhabenen oder Schönen steht. Den "agonistischen Pluralismus" erachte ich auch als sehr wichtig für die Kunst. Es sollte nicht nur eine Art von Kunst existieren, sondern viele unterschiedliche Formen.

STANDARD: Dabei übersehen Sie doch, dass die Kunst als Elite, wie Stuart Hall auch anmerkte, im Wesentlichen von der Ökonomie dominiert wird. Das, was zählt, ist Geld und wie man die Konkurrenten am besten aussticht. Sehen Sie sich doch nur in der Galerienszene um! Es ist ja oft wie in der Politik: Man ist nur so weit tolerant, als einem "der andere" nicht wirklich gefährlich werden kann.

Mouffe: Und gerade deshalb braucht die Kunstszene diese Demokratiediskussionen! Die Kunst wird gegenwärtig monopolisiert - auch durch Regierungen. Ebenso diese Kunst, die nur aus dem ethnischen Background heraus agiert. Wie zum Beispiel, wie ich es vor kurzem in den USA erlebte, Hispanics, von denen quasi in der Diskussion verlangt wurde, in ihrem Kunstschaffen ausschließlich über sich und ihre Geschichte(n) zu berichten.

STANDARD: In diese Art Ausschließlichkeit fällt auch die so genannte, meist in fleischfarbenen Objekten gehaltene typische "Frauen"-Kunst ...

Mouffe: Das führt in eine Sackgasse - und die propagierte Offenheit ad absurdum. Kunst in einer anderen, pluralistischen Form hat eine eminente Rolle in der Bildung von Hegemonie: unterschiedlichste Facetten von Realität zu bilden, zu hinterfragen, zu kritisieren. Sie bringt auch einen wichtigen Punkt - nennen wir es Poesie, Leidenschaft - ein, den ich oft in der Politik vermisse, deren ausschließlich rationalistischen Ansatz ich kritisiere.

STANDARD: In der Politik sehen Sie die große Gefahr des globalen Neoliberalismus. Geht die Kunst in dieselbe Richtung?

Mouffe: Zuallererst darf man den Neoliberalismus nicht so ausschließlich schwarz-weiß sehen: Es ist dabei nicht alles schlecht. Nachdenken sollten wir über eine andere Form von Globalisierung, die genug Freiräume lässt. Ich denke da - mit Massimo Cacciari, dem Exbürgermeister von Venedig - an neue Formen des Födera-lismus, wo sich über Staatsgrenzen hinweg Beziehungen bilden, multiple Austauschbeziehungen; jedoch nicht Trennungen, wie es etwa die Lega Nord propagiert. Städte könnten eine wichtige Rolle dabei spielen. Denken Sie nur an die - völlig willkürlich gezogenen - Staatsgrenzen in Lateinamerika oder Afrika. Je mehr sich die EU als zentralistisches Organ geriert, desto mehr ebnet sie das Terrain für Rechtspopulismus.

STANDARD: Und die Künste?

Mouffe: Sie sind unglaublich kommerzialisiert, Stichwort McGuggenheim. Es wimmelt von Blockbuster-Ausstellungen, wo sich die Leute freiwillig zwei Stunden um Tickets anstellen! Diese Menschen sind zu reinen Konsumenten von Kunst geworden, sie besuchen Ausstellungen in der gleichen Art wie Shoppingmalls. Das Merchandising rundherum scheint wichtiger und bringt gutes Geld. Gerade hier heißt es, Widerstand zu leisten - und so etwas ist für mich auch die Documenta.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 3. 2001)

Von
Doris Krumpl

Share if you care.