Die zwei Millennien der Ungarn

16. März 2001, 21:55

Vor 1100 Jahren eroberten die Magyaren als nomadisches Reitervolk das Karpatenbecken. Schon hundert Jahre später waren sie Träger eines christlichen Königreichs.

Das macht den Ungarn nicht so leicht ein Volk nach: Innerhalb von gut einem Jahrhundert feiern sie gleich zweimal ein Millennium. Das erste fiel auf das Jahr 1896: Damals gedachte das Königreich Ungarn der "Landnahme", des Einzugs der von ihrem Fürsten Arpád geführten Magyaren in Pannonien im Jahr 896. Das große Denkmal mit den Figuren der ungarischen Geschichte, das damals auf dem Budapester Heldenplatz enthüllt wurde, ist wohl jedem Besucher der Hauptstadt bekannt. Und heuer begehen die Ungarn die tausendste Wiederkehr des Tages, an dem ihr Fürst Stephan im Jahr 1001 in Esztergom/Gran zum König gekrönt wurde. Damit war Ungarn zum gleichberechtigten Mitglied der abendländischen Staaten geworden. Es war eine große politische und kulturelle Leistung, dass die Ungarn, die nur wenige Jahrzehnte zuvor als wildes Reitervolk, als "neue Hunnen" Europa in Angst und Schrecken versetzt hatten, nun nicht verschwanden wie so mancher andere aus dem Osten anstürmende Stamm, sondern hundert Jahre nach ihrer Ankunft ihren Staat in die christliche Völkerfamilie einordnen konnten. Die Magyaren waren von weit her gekommen, und ihre Sprache war dem, was man in Europa sprach, völlig fremd - weder romanisch noch griechisch, weder germanisch noch slawisch. Ihre Urheimat lag im Süden des Ural, und ihre Sprache ist nur mit der der Finnen und Esten und besonders eng mit den Sprachen der in Westsibirien verbliebenen "ugrischen" Restvölker der Ostjaken/Chanten und Wogulen/ Mansen verwandt. Die Slawen nannten die Magyaren Ugri, daraus machten die mittelalterlichen Gelehrten, wohl in Erinnerung an die Hunnen, das lateinische Hungaria, nach welchem das internationale Autokennzeichen Ungarns noch heute ein "H" ist.

Wer mit dem Auto Richtung Budapest fährt, wird zur linken Hand, auf einem Hügel oberhalb von Tatabánya, die riesige Plastik eines Raubvogels erblicken. Es ist der Turul, ein mythischer Vogel, der in der fernen Urheimat eine magyarische Fürstin in einer Traumvision schwängerte und sie so zur Ahnherrin der Arpaden machte - jenes Fürstengeschlechts, das die Magyaren vom Ural zunächst ins Land Etelköz, an den Dnjepr, führte; Geschichtsforscher vermuten im Turulvogel das Totemtier der Arpaden.

Von den aus Osten einbrechenden Petschenegen bedrängt und zugleich im Krieg mit den Bulgaren, zogen Arpád und seine sieben Unterhäuptlinge weiter nach Westen, über die Karpaten. Es muss ein gewaltiger Aufbruch gewesen sein - man schätzt, dass das Volk damals etwa 100.000 Familien umfasste. In Pannonien stießen sie auf ein von Slawen dünn besiedeltes Land, nominell dem Fürsten des Großmährischen Reichs untertan. Die Magyaren, gefürchtete Pfeilschützen, verfügten über eine äußerst wendige, schnelle Reiterei. Sie zerstörten das Großmährische Reich und unterwarfen so die Slowakei, dann schlugen sie den bayerischen Heerbann, der sich ihnen 907 bei Preßburg/Bratislava entgegenstellte, vernichtend, und dehnten ihren Machtbereich bis an die Enns aus. Mit den für ihre Rinder- und Pferdeherden idealen Grassteppen an Donau und Theiß als Basis, beunruhigten sie nun mit ihren Raubzügen, die sie bis an die Nordsee, nach Frankreich, Spanien, Italien und vor die Tore von Byzanz führten, jahrzehntelang Europa. Erst der deutsche König Heinrich I. zeigte sich, indem er selbst ein Reiterheer aufstellte, ihnen gewachsen, und sein Sohn Otto der Große schlug sie 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg und holte die Mark östlich der Enns für das Reich zurück.

Die allmähliche Sesshaftwerdung und Vermischung mit den slawischen Vorbewohnern sowie die Niederlage von Augsburg führten den Großfürsten Géza zu der Einsicht, dass die Zukunft seines Volkes von der Eingliederung in das christliche Abendland abhing. Zwar blieb er seinem Väterglauben noch treu, doch da er internationale Anerkennung suchte, was damals nur durch adelige Heiratsdiplomatie und diese wieder nur unter Christen möglich war, ließ er seinen Sohn Vajk auf den Namen Stephan taufen. So konnte er für ihn die Tochter des Bayernherzogs, Gisela, zur Frau gewinnen und damit die Annäherung an den westlichen Nachbarn suchen, dessen Grenzmark Ostarrichi die Tendenz zeigte, sich auf Kosten der Ungarn auszuweiten.

Stephan (997-1038) musste um die Nachfolge auf dem Thron kämpfen. Sein Onkel, als Sippenältester nach altmagyarischem Brauch verpflichtet, die Herrscherwitwe zu ehelichen und damit nächster Anwärter auf den Fürstensitz zu werden, stellte sich gegen ihn. Es kam zum Kampf. Stephan, von einem deutschen Adeligen zum Ritter geschlagen, was ihn als christlichen Streiter auswies, empfahl sich der Gunst des heiligen Martin von Tours (der Jahrhunderte vor Ankunft der Ungarn als Sohn eines römischen Offiziers in Szombathely/Steinamanger geboren worden war); nach seinem Sieg gründete er die Erzabtei Martinsberg/Pannonhalma. Deutsche Mönche drängten die im Südosten des Landes erfolgreiche griechische Mission zurück, sodass ganz Ungarn römisch-katholisch wurde. In der Folgezeit gelang es Stephan, die Teilfürsten teils friedlich, teils im Kampf zu unterwerfen. Die neu gewonnene Einheit wurde durch eine Zentralisierung gesichert, die das Land in vierzig Komitate mit Burggrafen (Gespanne) an der Spitze einteilte. Daneben waren die Bischöfe die stärksten Stützen des Königs. So wurden die alten Sippenverbände entmachtet, ohne dass eine lehensrechtliche Zersplitterung erfolgte. Die rechtzeitige Annahme des Christentums, die immer noch vorhandene militärische Stärke und wohl auch die Tatsache, dass die Magyaren bei der Landnahme an Zahl der Vorbevölkerung überlegen waren, ersparte ihnen das Schicksal, wie ihre hunnischen und awarischen Vorläufer zu verschwinden und ihre ethnische Identität zu bewahren.

Um seinem Land die volle Anerkennung als gleichberechtigtes Glied der abendländischen Staatenordnung zu geben, war die Königskrone des Herrschers Voraussetzung. Stephan erkannte, dass ihm deren Verleihung durch den byzantinischen oder den römisch-deutschen Kaiser in eine gewisse Abhängigkeit bringen würde (wie das benachbarte Böhmen). Auch die von ihm gegründeten zehn Bischofssitze ließ er vorsorglich von Rom und nicht vom Erzbischof von Salzburg besetzen. Bei dem großzügigen Kaiser Otto III. fand Stephan Verständnis, träumte doch der schwärmerische Jüngling von einer christlichen "Familie der Könige" mit dem Kaiser als "Primus inter pares". Otto unterstützte Stephan beim Ausbau von dessen Königsburg in Székesfehérvár/Stuhlweißenburg und trat bei seinem früheren Lehrer, Papst Sylvester II., für die Aufwertung Ungarns ein. Der Papst erhob Esztergom/Gran zum Erzbistum, Ungarn wurde damit eine vom Ausland unabhängige Kirchenprovinz. Wahrscheinlich am 1. Jänner 1001 wurde Stephan dort feierlich zum König gekrönt. Der König unterstellte sein Land dem hl. Petrus und damit dem Papst - ein symbolischer Akt, der Ungarns Unabhängigkeit von den Nachbarreichen betonte. Stephan trug noch nicht die berühmte "Stephanskrone" mit dem schief stehenden Kreuz. Die ursprüngliche Krone ist verloren gegangen. Der Krönungsmantel hingegen, den Königin Gisela selbst bestickt haben soll, blieb erhalten.

Die letzten Lebensjahre Stephans waren überschattet durch den Tod seines einzigen Sohnes Imre/Emmerich bei einem Jagdunfall. Mit anderen Zweigen der Arpadensippe verfeindet, holte der König Peter Orseolo, den Sohn seiner Schwester, aus Venedig als Nachfolger an seinen Hof. Den Aufstand seines Neffen Vasul gegen diese der altmagyarischen Übung total widersprechende Nachfolge schlug er brutal nieder, Vasul wurde geblendet. Als Stephan starb, waren die Ungarn in zwei Parteien gespalten. Die "Nationalpartei" wandte sich gegen die Bevorzugung der Deutschen und Italiener, die Stephan für sein Aufbauwerk ins Land geholt hatte. Zum ersten Mal zeigte sich ein Gegensatz, der - in wechselnden Formen - in der ungarischen Geschichte immer wieder auftrat.

(DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 17./18. 3. 2001)

Greifbare Literatur über ungarische Geschichte:

Paul Lendvai, Die Ungarn. München 1999.

Holger Fischer, Eine kleine Geschichte Ungarns. Frankfurt 1999.
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